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Patrik Schneider, Achern
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Menschenrechte und Digitalisierung:
„Wir sind schon mittendrin in der Orwell Welt“

Interview: „Technik ohne Rahmenbedingungen führt ins Chaos“- Patrik Schneider veröffentlicht Essay.
Quelle: Mittelbadische Presse, baden online vom 2. April 2019
Autor:
Matthias Heidinger, Achern
Printversion veröffentlicht in:
Acher-Rench-Zeitung (ARZ) vom 02. April 2019
und im
Badischen Tagblatt (BT) vom 04. April 2019


Dr. Patrik Schneider ist vieles. Der Acherner ist Theologe, Philosoph, Stadtrat, Religionslehrer, Mediator. Nun veröffentlicht er ein 55-seitiges Essay in Buch- oder E-Book-Form. Am Donnerstag stellt er es vor. In »Wie umgarne ich meinen digitalen Zwilling?« fasst Schneider seine Gedanken zur wünschenswerten Transformation der digitalen Gesellschaft entlang der Menschenrechte zusammen.

Herr Schneider, Ihr Essay ist ein Resultat langen Nachdenkens, sagen Sie. Wie schaffen Sie sich im Alltag Freiräume zum Nachdenken, zum Philosophieren?
Patrik Schneider: Ich hab schon immer gerne theologisiert und philosophiert. Und zwar genau an der Grenzlinie zur faszinierenden Welt der Technik und Industrie. Denn die liebe ich. Mein Lieblingsspitzname ist deshalb der des Religionsmechatronikers. Bei meinem Einsatz als Religionslehrer an einer Gewerbeschule wurde Ethik 4.0 zum Thema. Dann begann ich, mich auf Walkingtouren durch unsere wunderbaren Weinberge damit zu beschäftigen.
Mit welchem Ergebnis?
Schneider: Dass die gegenwärtige Ethik und der Wertekatalog eigentlich völlig ausreichend sind, um das Projekt der Digitalisierung menschengerecht zu gestalten.
Die Philosophie ist alt, die Digitalisierung jung. Wieso bringen Sie beides zusammen?
Schneider: Der Mensch, so die Grundvorstellung der Aufklärung, ist ein autonomes Wesen. Deshalb ist seine Würde unantastbar. An dieser Säule darf nicht gerüttelt werden, auch nicht durch das Winken einer neuen industriellen Zukunft. Dass Mensch und Maschine zum Partner werden, klingt zwar gut, wirft aber erhebliche Fragen auf. 
Autonom sollen bald auch Autos sein.
Schneider: Autonomie nun auch Autos zuzuschreiben, ist grenzwertig. Autos haben kein moralisches Gesetz in sich. Sie sind nicht Partner. Deshalb werden sie niemals autonom handeln, sondern maximal autonomisiert.
In welchen Alltagssituationen können mir Ihre Zeilen helfen, den Durchblick zu behalten? 
Schneider: Digitale Zwillinge, also Plattformen und Clouds, umgarnen uns heute schon. Wir füttern sie unreflektiert täglich etwa mit Daten aus dem Smartphone, mit Siri, GPS oder Alexa. Manchmal werfen diese Zwillinge hässliche Schatten zurück, was wir als Cypermobbing beschreiben können. Den Sinn von Persönlichkeitsrechten heute zu begreifen, ist für die Gestaltung der Welt von morgen die Metagrundlage. Dazu braucht es Klarheit und Tiefe. 
Machen Sie sich Sorgen, dass die übernächste Generation in einer Welt groß wird, die einem Roman von George Orwell entsprungen sein könnte?
Schneider: Ich glaube, da sind wir schon mitten drin. Das Ausmaß an Videoüberwachungen und das minutiöse Sammeln von Daten übersteigt schon lange das Szenario des Orwell-Romans. Wir füttern schon längst freiwillig alle digitalen Zwillinge. Die Frage der Zukunft wird es sein, ob die Erzählung einer neoliberalen Freiheit über die Erzählung einer demokratischen Freiheit siegen wird oder andersherum. Technik ohne Rahmenbedingungen führt ins Chaos.  
Worin lauern die größten Gefahren in einer durchdigitalisierten Welt?
Schneider: Genau darin, dass wir Demokratie und Technikentwicklung trennen. Zugespitzt: Die einen, die Schöngeister also, die den DIN-A4-Ordner heiligsprechen, und die anderen, die die Würde und Menschenrechtskonvention vor lauter digitaler Euphorie vergessen. Diesen Graben gilt es zu überwinden. Es braucht eine Balance. Und die wird nur – und so endet das Essay – mit der Haltung der Gelassenheit, des Mutes und der Weisheit zu erreichen sein. Dazu will das Essay beitragen. 

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