Wenn die Giraffe auf der Autobahn zu tanzen beginnt…

… dann steh ich meist ziemlich genervt im Stau. So wie viele andre auch! Verschenkte Zeit! Ärger, Stress und Unruhe in mir. Das Navigationsgerät zeigt – oder noch schlimmer orakelt mit sonorer Stimme – erbarmungslos die neue voraussichtliche Ankunftszeit am Ziel. Termine und Treffpunkte müssen jetzt schnell per Handy im Stau verschoben werden. Nix, aber auch gar nix mehr geht voran. Auf den Sendern im Radio beginnen sich gebetsmühlenartig, die monotonen Sachberichte und Kommentare zum Tagesgeschehen zu wiederholen. Minuten und manchmal Stunden rasen vorbei; vergehen wie im Fluge! Nur die Tankuhr fällt. Nervosität und Blutdruck hingegen steigen – in den oberen Drehzahlbereich. Und dann hupt hinter mir noch einer, dem es offenbar zu langsam geht! So ein… Dachlattenfeeling steigt in mir auf! Es keimt die Wut. Spätestens jetzt greife ich zur Giraffe im Handschuhfach und hole sie mir auf mein Amaturenbrett!

Die nächsten Meter konzentriere ich mich innerlich ganz auf sie. Und dann kann ich dem Hintermann freundlich zuwinken. Die Wut schwindet, wenn die Giraffe majestätisch auf der Autobahn zu tanzen beginnt: Groooooosses Herz und laaaaanger Hals. Diesen Satz sage ich mir immer wieder. Rhythmisch. Meditativ.  Ich spüre, dass ich mich über meine eigene Ungeduld ärgere… deshalb die aufsteigende Wut auf den Hintermann. Der ist wohl auch nur angenervt – wie ich. Und die Gedanken beginnen zu tanzen: Wo muss der hin?  Vielleicht warten seine Kinder und seine Frau ungeduldig zuhause auf ihn? Oder hat er einen wichtigen Geschäftstermin, der nun zu platzen droht? Das Tanzen wandelt ihn für mich zum Mitmenschen. Er bekommt ein Antlitz… und so tanze ich an das Ende des Staus und winke ihm gelassen zu, als er Gas gibt und an mir vorüberzieht! Gute Fahrt wünsche ich ihm aus ganzem Herzen.

Kommen auch Sie gut ans Ziel.