Ganz VW wird Autonom

Achern, 5.2.2018
Leserbrief zu: „Ganz VW wird Autonom“ in AUTO-TEST, Axel-Springer Verlag, Nr. 2 / Februar 2018, S. 44

Gruseliger Gedanke, dass VWs autonom in Zukunft werden könnten. Klar: in dem Artikel wurde das inflationäre Schlagwort vom autonomen Fahren aufgegriffen und zugespitzt. Passiert ja gerade öfters im Mainstream. Überall wird von der Autonomie von Autos geträumt. Schaut man mal genauer hin, dann fällt an dieser Sprachmetapher jedoch folgendes auf. Autonomie, ein Wort aus dem Griechischen, bedeutet ursprünglich: „ein sich selbst gebendes Gesetz“. Mit diesem Begriff und seiner Interpretation wurde seit der europäischen Aufklärung die menschliche Würde und die Achtung vor dem Leben begründet. Ablesbar zum Beispiel in den Freiheitsrechten unsres Grundgesetz. Der Kern in einer knappen Formel: Menschen haben Freiheit und deshalb eine unantastbare Würde. Sie können sich mit dem Licht ihrer Vernunft selbstbestimmen – soweit der Geist der Moderne, mit dem wir bislang gut gefahren sind. Das macht den Menschen aus.

Maschinelle und virtuelle Systeme hingegen reagieren hoffentlich lediglich nur nach streng deterministischen Algorithmen, die von autonom denkenden Menschen nach Vorgaben von Recht und Grundordnung eingegeben wurden – und arbeiten diese ab. Der Vorteil liegt in der Geschwindigkeit von solchen Operationen, aber mitnichten darin, dass Autos beginnen, tatsächlich autonom, also selbstbestimmt, zu handeln. Horror: Man stelle sich vor, dass Autos sich selbst bestimmen: also so wie etwa der berühmte Herbie, der tolle Käfer, der sich blinzelnd in andre Autos verlieben und so herrlich mit seinen Blinkern und Scheinwerfern flirten konnte. Fiktion und Romantik der späten 60er und frühen 70er Jahre! Aber man stelle sich in 20 Jahren folgende herbe Szenarium vor: ein Rentner, der sich von seinem autonomen Auto zum Discounter fahren lässt, stockt mitten in einhem Kreisverkehr, weil sein Fahrzeug sich gerade unsterblich in das autonome Auto nebenan verliebt, deshalb stehen bleibt und zu blinzeln und flirten beginnt – also autonom handelt. Ist das nun kleinkariert? Ich meine nicht. Die ganze Debatte um die Digitalisierung wird derzeit verbal herbeischöngeredet durch die Verherrlichung der Vorstellung, dass Autos irgendwann auf Augenhöhe mit dem Menschen stehen. Der Herbie von nebenan. Ein Urtraum der Menschheit! Die Würde des Menschen verwischt dabei.

Zudem fällt an der Artikelüberschrift weiterhin folgendes auf: Autonom wird großgeschrieben. Das geht im Deutschen bekanntlich bei Adjektiven bekanntlich nur dann, wenn sie einen Eigennamen bezeichnen. Schwierig wäre es, wenn VW nun noch den menschenrechtsrelevanten Gehalt des Begriffs Autonomie für ihre Marke zu verzwecken begönnte und damit Kunden zu binden. VW ist eine Marke. VW kann wie alle anderen Organisationen nie autonom werden. Richtig ist, dass über das Image von Marken autonome Menschen in Vorständen und Management entscheiden und diese Entscheidungen dann in Strategien und Organisationsstrukturen umsetzen. Da haben sie bei VW mit Dieselgate und Affenversuchen allerdings bewiesen, dass ihnen ein glückliches Händchen nicht immer hold war. Die jüngste Geschichte des Konzerns zeigt, dass Autonomie von Menschen Gefahr laufen kann, die völlig falschen Entscheidungen zu treffen. Deshalb braucht es mehr öffentliche Kontrolle, mehr Verbraucherschutz und Transparenz. Ein autonomer VW Konzern wäre ein Horrorkonstrukt – trotz SPD Ministerpräsident im Aufsichtsrat – denn diese Marke läuft Gefahr, seine Ziele zu eng an der Gewinnmaximierung und Marge der Aktionäre auszurichten.