Digitale Welten

„Ohne Selbst keine Selbstbestimmung“
(Joachim Bauer)

Digitale Vernetzungen und Strukturen verändern unseren Alltag. Der digitale Zwilling ein Sprachbild aus der Industrie 4.0[i] – begleitet uns auf Schritt und Tritt. Schon am Bankomaten, beim Ausfüllen der Steuererklärung oder in den social media Plattformen: die erstellten Profile werden zum Abbild unserer Individualität, auch in der Arbeitswelt: die Produktionsprozesse werden gläsern. Und sogar in der Schule wird er zum digitalen Kollegen: Elektronische Klassenbücher, digitale Notenerfassungen: Der Zwilling bildet uns ab als sein Ebenbild – so fabuliert und phantasiert von einem Theologen.

Der Prozess der Digitalisierung schreitet unaufhaltsam voran. Auch im staatlichen Bildungssystem. So beschloss das baden-württembergische Wirtschaftsministerium am 1. Juni 2018 nach einer erfolgreichen Pilotphase die flächendeckende Einführung von Lernfabriken 4.0 an allen Gewerbeschulen. [ii] An kaufmännischen Berufsschulen können etwa 5.000 Berufsschüler an einem groß angelegten Versuch mit Tablets teilnehmen, die im Unterricht eingesetzt werden. Zum Schuljahr 2018/ 19 wurde Informatik als Pflichtfach an weiterführenden Schulen eingeführt. Das sei nach dem Wirtschaftsministerium eine Investition in die Bildung der Zukunft und damit in den Standort Baden-Württemberg.

Aber in welche Zukunft? Dieser Aufsatz ist ein Versuch, einen Überblick über die enge Verzahnung von Industrie, Digitalisierung und Bildung zu geben und gleichzeitig sich daraus sich ergebenden Fragen an den staatlichen Bildungssektor von Morgen zu skizzieren. Festgezurrt am Sprachbild vom digitalen Zwilling.

Was hat es mit dem Sprachbild auf sich? Zwillinge sind ja nahe Verwandte. Enger geht es nicht. Geschwisterliebe. Lebenslange Verbindung. Wird uns dazu die virtuelle Welt? Werden wir da neu geschaffen? Idealtypisch? Oder standardisiert? Ein alter ego? Der Artikel will nicht verschwörungstheoretisch schwarzmalen, sondern zur Differenzierung einladen. Erkenntnisbereichernd könnte eine Rückbesinnung auf den ursprünglichen Gehalt des Subjetbegriffs sein. Diese erhellt die Vorstellung vom modernen Menschenverständnis. Tatsächlich kannte die Aufklärung verschiedene Auslegungen und Nuancen. Seit dieser Zeit schwirren verschiedene, teils diffuse Deutungen, über die Autonomie und das Subjekt durch die Epochen. Und ist bis heute ist das ein Zankapfel zwischen Ökonomen und Demokraten. Ungeklärt. So bleibt Kant bis heute aktuell. Durch eine entsprechende Analyse mit Hilfe der Philosophie können die teils unklaren Subjektvorstellungen der Gegenwart aufgedeckt und damit auch beitragen, den diffusen Graben zwischen der ökonomischen und humanistischen Bildungsintention aufzudecken. Aber genau das Erkennen dieser Differenz, das Vermessen des Grabens bringt Licht für die Gestaltung einer irgendwie gearteten Bildung 4.0.

Ein Versuch, der lohnenswert scheint. Denn es steht viel auf dem Spiel: Das Selbstverständnis vom Menschen und damit gekoppelt die Vorstellung von seiner Autonomie. Diese droht, so die Grundthese des Artikels, dort zu zerbröseln, wo die Maschine zum Zwilling und Partner des Menschen erhoben wird. Mit dem Freiburger Neurologen Joachim Bauer lässt sich dem schlicht entgegen halten: „Ohne Selbst keine Selbstbestimmung“[iii]. Dieser Satz könnte – wie einst im Orakel von Delphi – als Erinnerung und Mahnung über das neu anbrechende Zeitalter Digitalisierung geschrieben werden. Um das geht es! Um ein Erinnern an das Selbst, den autos, wie die Griechen sagten! Verbunden mit einem Mahnen, den Menschen nicht selbst nur als Algorithmus zu begreifen, und damit das Licht vom Selbst zu reduzieren. Dazu will dieses Essay einen Beitrag leisten. Und das geht methodisch, wenn wir den Ur-Zank zwischen Kant und den englischen Empiristen uns vergegenwärtigen und seinen Nachhall für das Heute hörbar machen.


ANMERKUNGEN

[i] Vgl. zum Begriff bspw.: Brösser, Stefan, Artikel: Digitaler Zwilling, Gablers Wirtschaftslexikon, in: https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/digitaler-zwilling-54371/version-277410, überabeitet am 19.02.2018: „Ein digitaler Zwilling ist ein virtuelles Modell…,welches die reale und virtuelle Welt verbindet… Diese Kopplung der virtuellen und realen Welten ermöglicht die Analyse von Daten und die Überwachung von Systemen, z.B. Probleme verstehen und bearbeiten, bevor sie überhaupt auftreten, Ausfallzeiten vermeiden, neue Chancen entwickeln und mithilfe von Computersimulationen die Zukunft zu planen.“

[ii] Presserklärung des Staatsministeriums Baden-Württemberg vom 1.6.2018, in: https://www.baden-wuerttemberg.de/de/service/presse/pressemitteilung/pid/neue-foerderrunde-fuer-lernfabriken-40/

[iii] Bauer, Joachim, Selbststeuerung. Die Wiederentdeckung des freien Willens, München 2015, S.9.