HINFÜHRUNG

Umgarnen kann ich nur ein Wesen, dem ich sehr nahe bin, das ein Du ist. Und hier lauert eine Gefahr in der derzeitigen Debatte um die Industrie 4.0: den digitalen Zwilling dem Menschen gleich zu machen. Das droht dort, wo der der Mensch qua Definition lediglich als nutzengesteuertes Wesen verstanden wird. Dann ist auch eine Künstliche Intelligenz, die den Nutzen mehrt, ihm ebenbürdig. Autonome Fahrzeuge und autonome Subjekte werden ein eineiiges Zwillingspaar und nicht mehr unterscheidbar. Wenn ich dermaßen den digitalen Zwilling umgarne, dass ich ihn zum Partner, zum engen Familienmitglied erkore, dann könnte das Entmenschlichung und Entindividualisierung zur Folge haben.

Autonomie im Sinne der Aufklärung schließt die Dimension der Freiheit, der Kreativität, und der Intuition ein. Jedes Subjekt ist zu politischen, ethischen oder religiösen Urteilen fähig – nicht aufgrund von Algorithmen, sondern aufgrund der Vernunft. Kategorische Imperative sind etwas anderes als Algorithmen. Auch das Credo der jüdisch-christlichen Tradition, dass der Mensch ein Ebenbild Gottes ist durchzieht die abendländische Tradition. Daraus entwickelte sich die Idee der Gleichheit und Freiheit und wurde dann mit dem Katalysator der Aufklärung zur neuen Schubkraft. Der digitale Zwilling ist in diesem Sinne kein Ebenbild des Menschen. Denn „ohne Selbst“ gibt es „keine Selbstbestimmung“.

Das Insistieren auf den sauberen Umgang mit dem Subjektbegriff ist keine kleinkarierte Spitzfindigkeit eines Theologen. Tatsächlich geistert der Begriff Subjekt sehr bedeutsam, aber meist unklar interpretiert sowohl durch die Industrie- als auch die Bildungsgeschichte. In beiden Bereichen finden wir ihn in unterschiedlichen Varianten. In der über 200-jährigen Industriegeschichte wandelte sich die Vorstellung der menschlichen Arbeit. Mit der Zunahme maschineller Automatisierung wurde das geistig-kreative Potenzial der Arbeitnehmer immer bedeutender. Arbeit individualisierte sich. In der Industriesoziologie ist deshalb von der Subjektivierung der Arbeit die Rede.[i] Die individuellen Fähigkeiten des Subjekts werden für den erfolgreichen und gewinnbringenden Produktionsprozess immer entscheidender. Eine ähnliche Wende zum Subjekt lässt sich auch in der geschichtlichen Entwicklung der staatlichen (Schul-)Bildung nachweisen. Nach dem Krieg wurde dort das mündige Subjekt zum Paradigma. Denn – so die Lehre aus der NS-Geschichte – erst die Fähigkeit des Individuums, sich an der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu orientieren, schafft langfristig die notwendige Voraussetzung für eine Staatengemeinschaft, die sich selbst zu bestimmen vermag. Das Kapitel I gibt in knappen Zügen Grundinformationen zu den Begriffen und Phasen 1.0-4.0 der Industrie und Bildungsgeschichte und zeichnet die Wende zum Subjekt nach.

Das Kapitel II analysiert und untersucht dann im Zeitlupenmodus philosophisch die jeweils den Teilbereichen zugrunde gelegte Subjektvorstellung. Dabei kommt erstaunliches zutage. Beide Subjektbilder: also das der Wirtschaft und der Demokratie, sind alles andere als identisch. Sie haben zwar ihren gemeinsamen Ursprung in der Aufklärung, haben sich aber danach aber inhaltlich sehr unterschiedlich ausdifferenziert. Um sich abzeichnende Konturen einer Bildung 4.0 verstehen zu können, ist deshalb das Nachdenken darüber notwendig, welches Modell vom Subjekt genau für die zu zukünftige Bildungslandschaft Pate stehen soll: vereinfachend gesagt: der homo oeconomicus oder der homo democraticus? Bleibt diese Frage unbeantwortet, könnte man erstens in eine Zukunft schlittern, die einem man gar nicht wollte. Oder zweitens ein riesiges Potenzial künftiger Arbeitnehmerbildung zu spät erst erkennen und wahrnehmen.

Die Subjektvorstellung Kants begründet individuelle Freiheits- und Selbstbestimmungsrechte. Die Industrie 4.0 wird beispielsweise durch revolutionäre Möglichkeiten der Datensammlung stark in diese Persönlichkeitsrechte der Bürger eingreifen. Deshalb braucht das Bildungssystem der Zukunft, so die These, nicht nur ökonomische, am beruflichen Nutzen orientierte Fächer, sondern genauso, z.B. geistes-, gesellschaftswissenschaftliche, ästhetische und religiöse Fächer.

Doch, was genau mit dem Subjekt gemeint ist, bleibt manchmal verschleiert. Und das hat Folgen, wie die gesellschaftliche Debatte um das autonomisierte Fahren. Es geht um die Kernfrage, wie Dilemmasituationen programmiert werden können. Z.B: wenn ein Auto auf Glatteis außer Kontrolle gerät. Wie soll es dann reagieren? Die deutsche Ethikkommission 2017 war eindeutig. Es dürfen derzeit keine Programme geschrieben werden, die eine Personengruppe als besonders schutzwürdig bevorzugt.[ii] Denn, so der Begründungsduktus: die Würde ist für alle Menschen unantastbar.

Das Massachusetts Institute of Technology (MIT) geht einen anderen Weg. In dem als Computerspiel weltweit durchgeführten Experiment „Moral machine“[iii] geht man empirisch vor. Es wird geforscht, welche kulturellen und geschichtlichen Prägungen maßgeblich die Entscheidungen beim autonomisierten Fahren beeinflussen.[iv] Die Datensammlung zeigt als Ergebnis, dass Japaner werden im Notfall wohl eher jüngere Menschen töten werden, weil Ältere in der Kultur mehr Respekt entgegengebracht wird. Europäer hingegen würden Jüngere retten. Nach welchem Begründungsmuster werden die autonomisierten Fahrzeuge künftig entscheiden? Kann kulturell über den Werte- und Würdebegriff abgestimmt werden?

Die Fähigkeit zum Umgang mit Grundwerten scheint für den künftigen Mitarbeiter zentral – und wird damit zum Thema und zur Herausforderung einer zukunftsfähigen Berufspädagogik. Deshalb ist eine Klärung des Begriffs Subjekts durchaus sinnvoll und notwendig.

Die Folgen für eine mögliche Bildung 4.0 werden dann im Kapitel III abgeschätzt und vertiefend untersucht. Erst wenn die enge Verbindung von Menschenbild und beruflicher Bildung erkannt ist, kann können über mögliche Wege in eine digitale Bildungslandschaft 4.0 nachgedacht werden: Brücken, die umfassend die Gräben zwischen Technik und Ethik, zwischen Ökonomie und Autonomie zu schließen vermögen. In fernöstlichen Wirtschaftsräumen wird die Langzeitwirkung der Spaltung von Grundwerten und Ökonomie schon praktiziert. Das technische und ökonomische Wissen Europas und der USA wird zwar importiert, aber von der dort geltenden Werteordnung getrennt.

Drastisch und schon fast apokalyptisch anmutend zeigt die 2018 ausgestrahlte arte-Dokumentation: Die Schule von morgen[v] am Beispiel des staatlichen Bildungssystem Singapurs die Folgen der Trennung. Das nur am wirtschaftlichen Wachstum ausgerichtete System ist zwar hochdifferenziert, überfordert aber die jungen Menschen. Warum? In der dortigen Bildungsvorstellung wird auf die Verzahnung mit der in Europa noch selbstverständlichen Grundwertebildung verzichtet. Menschenrechte und Grundwerte sind als Themen der Schule werden. Die Abspaltung dieser Bildungstradition, so der Duktus der Dokumentation, führt zur Verzweckung der Kindheit, die Überforderung und Burn-out nach sich zieht und zu einer überdurchschnittlich hohen Suizidrate von Kindern in Singapur führt.

Danach wird im Schlusskapitel IV eine Abschlussbetrachtung über das Umgarnen des digitalen Zwillings stehen. Sie versucht das Wesentliche nochmals als Fazit mit dem Sprachbild des Digitalen Zwillings auf den Punkt zu bringen. Digitalisierung ist nicht nur ein neuer, qualitativer Sprung der Industrieentwicklung, sondern vor allem auch eine Herausforderung für das moderne Menschenverständnis. Das Subjekt ist nicht nur unter dem Aspekt der ökonomischen Nutzensteigerung für die Industrie zu begreifen. Vielmehr hat es aufgrund seiner Autonomie einen Eigenwert und eine einmalige Würde. So versteht sich der Artikel weniger als Mahnung oder als Anklage, sondern als Plädoyer für mehr Menschlichkeit.


[i] Vgl. Bröckling, Ulrich, Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierung. Frankfurt 2007.

[ii] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, Bericht der Ethikkommission zum automatisierten Fahren, 2017:„Bei unausweichlichen Unfallsituationen ist jede Qualifizierung von Menschen nach persönlichen Merkmalen (Alter, Geschlecht, körperliche oder geistige Konstitution) unzulässig.“, in: https://www.bmvi.de/SharedDocs/DE/Pressemitteilungen/2017/084-dobrindt-bericht-der-ethik-kommission.html (download 27.9.2018)

[iii] Vgl. die Internet Plattform des MIT, http://moralmachine.mit.edu/hl/de

[iv] Stefan Parsch, Kind oder Oma – wen soll das autonome Auto bei Unfall verschonen?, in: Die Welt, ethische Programmierung, 24.10.2018

[v] Dokumentation: Die Schule von morgen, Teil 1, arte, Straßburg, gesendet am 24.9.2018.