III. KONTUREN EINER BILDUNG 4.0

 

Fassen wir an dieser Stelle kurz den bisherigen Befund zusammen. Die Betrachtung der Entwicklung von Phasen der Industrie- und Bildungsgeschichte brachte die erstaunliche Wende zum Subjekt in der Arbeit und in der Schule ans Licht. Mit Hilfe von philosophischem Werkzeug zeigte sich jedoch, dass diese Wende selbst noch kein Alleinstellungsmerkmal für Konturen einer Bildung 4.0 sein kann. Subjekt ist eben nicht Subjekt. Die Aufdeckung unterschiedlicher Interpretationen und Ausdeutungen des Subjekts führten in den Graben zwischen der ökonomischen und demokratischen Mentalität. Diese durchzieht auch die Debatten um die Zukunft der Bildung. Dazu ist es notwendig, sich des Standortes staatlicher Bildung zu verorten. In den staatlichen Schulen sollen nach der herrschenden Bildungstheorie Schüler mit beiden Wirklichkeitszugängen vertraut gemacht werden.

Welches der kennengelernten Subjekte wird wohl in der Bildung 4.0 zum Vorbild für das Lernsubjekt? Der homo oeconomicus oder der homo democraticus? Das wird eine gesellschaftliche Grundsatzentscheidung.

DIE KANTSCHE AUTONOMIE ALS LEITBILD STAATLICHER BILDUNG

Das Lernen von Demokratie in Kooperation mit der Wirtschaft wird sich für die Zukunft der Schulen als tragende Säule einer Bildung 4.0 herauskristallisieren. Die Bedeutung der Mündigkeit von Bürgern wird zunehmen. Denn mit einem Mehr an Automatisierung und Robotisierung kommt es zu Eingriffen, die in die Menschen- und Grundrechte eingreifen werden. Die Stärkung der Demokratiefähigkeit braucht eine Zuspitzung ihrer Bildungsintention des staatlichen Bildungssystems.

Vergegenwärtigen wir uns den in Länderverfassungen gegebenen Erziehungs- und Bildungsauftrag der Schulen. Für Baden-Württemberg z.B. sind folgende Intentionen festgeschrieben[i]:

„Die Schule hat den in der Landesverfassung verankerten Erziehungs- und Bildungsauftrag zu verwirklichen. Über die Vermittlung von Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten hinaus ist die Schule insbesondere gehalten, die Schüler
• in Verantwortung vor Gott, im Geiste christlicher Nächstenliebe, zur Menschlichkeit und Friedensliebe, in der Liebe zu Volk und Heimat, zur Achtung der Würde und der Überzeugung anderer, zu Leistungswillen und Eigenverantwortung sowie zu sozialer Bewährung zu erziehen und in der Entfaltung ihrer Persönlichkeit und Begabung zu fördern, 
 • zur Anerkennung der Wert- und Ordnungsvorstellungen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu erziehen, die im Einzelnen eine Auseinandersetzung mit ihnen nicht ausschließt, wobei jedoch die freiheitlich-demokratische Grundordnung, wie in Grundgesetz und Landesverfassung verankert, nicht in Frage gestellt werden darf,         
• auf die Wahrnehmung ihrer verfassungsmäßigen staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten vorzubereiten und die dazu notwendige Urteils- und Entscheidungsfähigkeit zu vermitteln,
• auf die Mannigfaltigkeit der Lebensaufgaben und auf die Anforderungen der Berufs- und Arbeitswelt mit ihren unterschiedlichen Aufgaben und Entwicklungen vorzubereiten.“

Liest man diesen Text genau, wird eine Hierarchisierung im Auftrag sichtbar. Die Befähigung für die Berufs- und Arbeitswelt steht ganz unten. Der Auftrag zur persönlichkeitsbildenden, gesellschaftlichen und politischen Bildung ganz oben. Doch scheint es trotz des im Schulgesetz festgeschriebenen Erziehungsauftrages, daran gewaltig zu hapern. Es stimmt nachdenklich, wenn der Ökonomieprofessor Christian Felber seiner Hörerschaft – ausgebildeten Abiturienten am Anfang ihres Studiums – attestiert, dass die Wenigsten überhaupt Grundkenntnisse von den Grundwerten haben – trotz des 13-jährigen Besuchs staatlicher Bildungseinrichtungen.

„Wenn ich die Studierenden in meiner Vorlesung an der Wirtschaftsuniversität frage, was sie unter Menschenwürde verstehen, ernte ich regelmäßig geschlossenes und betretenes Schweigen. Sie haben im bisherigen Verlauf ihres Studiums nichts darüber gehört oder gelernt. Das ist um so erschreckender, als die Würde der höchste aller Werte ist: Sie ist der erstgenannte Wert im Grundgesetz und bildet die Grundlage der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Würde heißt Wert und meint den gleichen, bedingungslosen, unveräußerlichen Wert aller Menschen. Würde bedarf keiner ´Leistung` außer der nackten Existenz (…) Auf dem freien Markt ist es hingegen legal und alles andere als ungewöhnlich, dass wir unseren Nächsten instrumentalisieren und dabei seine Würde verletzen, weil es nicht unser Ziel ist, diese zu wahren. Unser Ziel ist das Erringen eines persönlichen Vorteils, und dieser lässt sich in vielen Fällen leichter erringen, wenn ich meinen Nächsten übervorteile und dabei seine Würde verletzte.“ [ii]

Es ist leider zu befürchten, dass mit Zunahme der Redundanz philosophischer und theologischer Anthropologien dies zunehmen wird. Dafür sprechen folgende Indikatoren:

* angesichts der Demokratiekrise der Gegenwart: Neonationale Aufbruchsstimmungen in Europa und Deutschland, das Erstarken ideologisch, irrationaler und teilweise fundamentalistischer Gesinnungen, Terror und das weltweite Aufkeimen diktatorischer Kräfte sind eine Grundanfrage an die freiheitlich-demokratische Grundordnung.

* angesichts der Zunahme von ethnischem und religiösem Fundamentalismus. Parallelwelten durchziehen unsere Gesellschaft. Es gelten dort zum Teil andere Vorstellungen von Würde und Religionsfreiheit. Stichwort: Fundamentalisierung.

* angesichts der Digitalisierung der Gesellschaft: Es ist zu befürchten, dass Maschinen leichter in die in der Verfassung verbürgten Grundrechte eingreifen. Stichwort: Datenschutz.

* angesichts des Postulats der Selbstoptimierung. Die Selbstoptimierung hat einen hohen Preis. Die Rückseite dieser Medaille ist die damit einhergehende Deregulierung sozialstaatlicher Standards: z.B. individualisierte Arbeitsverträge, Entlohnungen und Arbeitszeiten. Diese Prozesse lösen diese gewachsenen Standards auf und führen für viele in eine ungesicherte Zone. Die Soziale Marktwirtschaft war der Fixstern der Industrie 3.0. Die freiheitlich-demokratische Grundordnung basierte auf gesellschaftlicher Solidarität. Besonders die Solidarität droht in der Anonymisierung der Datenflut weitgehend unterzugehen. Stichwort: Entsolidarisierung.

* angesichts des globalen Zusammenwachsens: Die Globalisierung seit der 1980er-Jahre verlief hauptsächlich unter ökonomischen Bedingungen – besonders im Bereich der Banken und Finanzspekulation. Die kulturelle und geistige Globalisierung ist noch ausstehend. Die globale Anerkennung der Menschenrechte ist noch in weiter Ferne. Aus einer europäischen Sicht wird sie zur Überlebensaufgabe der Menschheit.

In der Bildung kursieren unreflektiert demokratische und ökonomische Subjektdeutungen. Und führen in den Spagat. Dieser lässt sich in der der gegenwärtigen Bildungstheorie ablesen und vertiefen. Die staatliche Bildung will nach dem bekannten bildungstheoretischen Modell von Jürgen Baumert[iii] die entscheidenden Lebens- und Wirklichkeitsdeutungen der ausdifferenzierten Gesellschaft, die die Pluralität im Laufe der Jahrhunderte hervorbrachte, den Schülern ohne Bewertung zur Aneignung geben.Der Staat ist wertneutral – und offen für die Pluralität. Das drückt sich so aus: Die verschiedenen ´Leseweisen der Wirklichkeit` gelten als ´nichtsubstituierbar` – sprich nichtaustauschbar: ästhetische, technische, kulturelle, sprachliche, mathematische, technische und ökonomische Zugänge stehen ohne Bewertung des Staates nebeneinander und werden in der Bildung als nichtaustauschbare Möglichkeiten der Weltdeutung im Fächerkanon durchbuchstabiert. Damit bleibt aber nach Bernhard Grümme[iv] die Wahrheitsfrage vor der Schultür. Die Metaintention der Bildungstheorie ist deshalb eher funktional: den Umgang mit der Unübersichtlichkeit der pluralen Gesellschaft zu lernen und zu ermöglichen. Das Einüben in die Grundwerte der Demokratie: z.B.: Meinungsfreiheit, Respekt vor dem Fremden oder Toleranz dem Anderen gegenüber, stehen als demokratische Metawerte im Hintergrund dieses Modells. Das kann jedoch zur Folge haben, dass sich jedoch Gleichgültigkeit und Indifferenz breitmacht. Denn, um es mit einem Bild des Theologen Thomas Ruster[v] zuzuspitzen: Wenn alle Götter gleich sind, wird Gott insgesamt gleichgültig – und versinkt in der Belanglosigkeit. Das lässt sich analog auf andere Bereiche übertragen und könnte sich als Kehrseite der Medaille entpuppen – und am Ende bleibt dann nur der Nutzen als Lernprodukt übrig.

Die zu diskutierende These lautet nun, dass in einer Bildung 4.0 der sinnvolle Umgang mit den nichtsubstitutiven Wirklichkeitszugängen als Bildungsintention alleine nicht mehr genügen wird. Die Gräben um die modernen Deutungsstränge des Subjektes sind durchaus eben nicht nur nichtsubstituierbar, sondern sowohl substituierbar als auch komplementär. Versuche, die Demokratie auszuhöhlen und stattdessen durch eine Autokratie transnationaler Konzerne zu ersetzen, also zu subsituieren, werden zumindest in fernöstlichen Kulturen und Märkten offenbar schon praktiziert[vi] – Singapur wurde als Beispiel schon angeführt.

Die Verwobenheit, Wechselwirkung und Abhängigkeit von Nutzen und Grundwerten: also ihre Komplementarität, erhellt ein historischer Rekurs. Demokratie und wirtschaftliche Wohlstand entwickelten sich Hand in Hand. Der 7 Jahrzehnte anhaltende Frieden in Europa ist auch das Ergebnis von wirtschaftlicher Beziehung. Sowohl neoliberale als auch kapitalismuskritische Denker sehen diese Komplementarität. Der bekannte und emeritierte Wirtschaftsethiker Karl Homann sieht z.B. Demokratie und Ökonomie als „Zwillingsschwestern“[vii]. Aber auch der eher dem linken Spektrum zuzuordnende Soziologe Klaus Dörre erkennt in „Kapitalismus und Demokratie“ „die Eckpfeiler moderner Konzeptionen gelingenden Lebens“ [viii]. Tatsächlich uneinig sind sich die Lager jedoch über die genaue Zuordnung. Welcher Bereich dominiert welchen? Dominieren demokratische Grundüberzeugungen die ökonomische Gewinnmaximierung? oder andersherum? Oder sind beide paritätisch? Hier klaffen dann die eigentlichen Gräben.

Fazit: Schulen haben den Auftrag, die Wechselseitigkeit und Komplementarität der Wirklichkeitsdeutungen zum Gegenstand zu machen. Das gehört zum staatlichen Bildungsauftrag – wie z.B. im Schulgesetz Baden-Württembergs verankert. Berufsschulen sind demnach nicht nur Häuser der Industrie, sondern vor allem Häuser der Demokratie. Bildung im Sinne des Staates heißt, Schüler nicht nur für ihre künftige Tätigkeit auszubilden, sondern sie vor allem in die Haltung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung einzuführen: auch im Umgang mit der Technik und Wirtschaft. Schulen werden zu einem Ort, wo der Umgang mit dem Spagat und die Vermengungen zwischen dem homo democraticus und dem homo oeconomicus gelernt werden kann und muss. Beide sind deshalb nicht nur nichtsubstituierbar, sondern vor allem komplementär. Der staatliche Bildungssektor wird in der Bildungslandschaft 4.0 deshalb noch klarer seinen verfassungsrechtlichen Auftrag erkennen und nicht nur auf Toleranz gegenüber der anderen Zugangsweisen hoffen und pochen.

DIE ZUNEHMENDE BEDEUTUNG VON ENTSCHEIDUNGSKOMPETENZ IN DER BERUFLICHEN BILDUNG

Auch wenn wir den Blick auf die berufliche Bildung fokussieren, ist anzunehmen, dass ethische und entscheidungsrelevante Fragen und Perspektive an Bedeutung gewinnen werden. Künftig werden technische und programmierende Mitarbeiter, so die These, nicht nur mehr Fähigkeit zur Selbstorganisation und -steuerung benötigen, sondern diese um ethische und personale Kompetenz erweitern müssen. Nur so lassen sich die Aufgaben – z.B. der Programmierung – sinnvoll erfüllen. Das erfordert neben der Grundkenntnis an Ethik auch interdisziplinäre Bündnisse. Die Grundannahme, dass das Subjekt der Arbeit nach dem altvertrauten Prinzip des Eigenvorteils und des Nutzens entscheidet, ist vorbei. Die Suche nach Prinzipien der moralischen Vernunft wird wohl den Digitalisierungsprozess begleiten.

Das zeigt die inzwischen global verlaufende Debatte um den Einsatz von autonomen Waffensystemen. Das Team der Programmierer, das Algorithmen für ihre Treffsicherheit schreibt, entscheidet dabei nicht nur nach dem Gewinnprinzip, sondern auch über das Leben und den Tod ganzer Völker.[ix] Die Tragweite dieser Entwicklungen können nicht alleine Programmierern und Unternehmungen überlassen werden, sondern auch vom internationalen Politikparkett begleitet bzw. völkerrechtlich normiert werden.

Für künftige Programmierungen hochkomplexer Maschinen bedarf es im Vorfeld also rationale Begründungsmuster und völkerrechtliche Kenntnisse, um angemessene Entscheidungsoptionen für auftretende Dilemmasituationen zu fällen. Denn jede Entscheidung, die ein Maschinensystem fällen wird, hängt an Parametern, ist zuvor von Entwicklern durchdacht, simuliert und dann in Algorithmen transkribiert worden sind. Die Maschine oder der digitale Zwilling kann keine Verantwortung übernehmen. Verantwortung ist begründungsethisch an die Freiheit und die moralische Vernunft – und natürlich Bewusstsein – gekoppelt. Wer übernimmt dann aber die Verantwortung? Z.B. beim autonomen Fahren? Muss der Programmierer bei Unfällen ins Gefängnis?

In der beruflichen Praxis werden entsprechende Fragen auftauchen, ob und nach welchen Kriterien der Mensch in computergestützte Prozesse eingreifen kann, muss und soll. Z.B.: wann darf oder soll das Regelwerk unterbrochen werden? Solche Entscheidungen können von moralischen einerseits und ökonomischen Kriteriologien andererseits geprägt sein.

Das ist heute schon die Medizin erkennbar: Schwerstkranke können maschinell künstlich beatmet und somit das organische Leben verlängert werden. Darf oder darf der Mensch diese maschinelle Unterstützung unterbrechen? Das Krankenhaus verdient damit gut. Der Verwaltungschef könnte Angehörige wohl dahin gehend beraten, möglichst lange die Beatmung weiterzuführen. Wir spüren jedoch, dass dies nicht die einzige Kriteriologie sein kann. Andere Fragehorizonte tauchen auf: Wie verhält sich ethisch das Abschalten der Geräte mit dem der verfassungsrechtlichen Vorstellung von der Unantastbarkeit und Würde des menschlichen Lebens? Gibt es ein sogar das Menschen- und Grundrecht auf ein würdiges Sterben? Wer kann guten Gewissens die Verantwortung übernehmen? In Klinken werden heute dazu zunehmend schon Ethikkommissionen eingerichtet, die interdisziplinär die Entscheidung für Patient und Angehörige begleiten und unterstützen.

Wie kann die Bildung 4.0 der Komplexität gerecht werden? Zwei Perspektiven deuten sich an:

Erstens: Die Sprach- und Urteilensfähigkeit, die Fähigkeit zur Weltdeutung und die Fähigkeit zur personalen und religiösen Lebensgestaltung werden zu schulischen Kernkompetenzen. Der Kanon der Menschenrechte ist für den Programmierer von morgen ein Muss. Die Fähigkeit zum Philosophieren und Theologisieren, also zum Mut, eigene Urteile zu bilden, sind nicht nur Nebensache, sondern zentral: um z.B. ethische Dilemmasituationen im Alltag in Algorithmen entsprechend einzuspeisen. In den entsprechenden schulischen Fächern und Curriculen werden diese Fähigkeiten inhaltlich und methodisch eingeübt und vertieft werden.

Dazu braucht es zweitens Räume für interdisziplinäre Diskurse. Es gibt in der digitalen 4.0 Welt nicht mehr die klassischen Naturwissenschaften, Technikfächer und demgegenüber die geistes-, gesellschaftswissenschaftlichen, musischen oder religiösen Fächer. Es braucht eine Verbindung, weil Entscheidung und Algorithmus zusammenwachsen. Dazu braucht es fächerübergreifende Lernpläne und Schulen, in denen Personalität und Demokratie nicht nur behauptet, sondern eingeübt werden. Dazu ist besonders die Kommunikationsfähigkeit gefordert. Z.B. Schulen, die Bedürfnisse und wertschätzende Kommunikation als Grundhaltung einüben. Modelle für solche Schulen kennen wir aus dem Umfeld der Moralpsychologie oder der Gewaltfreien Kommunikation [x]

Dazu wäre es das Instrument von schulischen Ethikkommissionen wünschenswert. Jede technische Weiterentwicklung braucht ein ethisches Umfeld. Man denke an den Datenschutz oder die Folgeabschätzung. Das könnte interdisziplinär Lernfeld erarbeitet werden. Eine Chance für Lernen, das alle Aspekte mitberücksichtigt. 

RELIGIONSUNTERRICHT IN DER DIGITALEN BILDUNG Anthropologie und Theologie entsprechen sich in der Vorstellung einer an der Aufklärung orientierten Theologie. Die Rede vom Menschen ist von der Gottesvorstellung geprägt; und umgekehrt die Rede von Gott vom Menschenbild. Der Religionsunterricht ist schon lange der Ort an der Schule, an dem Menschenbilder in den Bildungsplänen verortet ist. Philosophieren und Theologisieren sind Fähigkeiten, die in der säkularen Gesellschaft den Umgang mit dem Gegenstand Religion ohne Gewalt und Fundamentalismus ermöglichen.

Dabei greift die theologische Anthropologie auf die Tradition des jüdisch-christlichen Tradition zurück. Sie speist sich aus der Überzeugung der Ebenbildlichkeit des Menschen und spricht von der Person. Die Person als theologischer Terminus ist die aus Gott verdankte Existenz, biblisch im Rekurs auf Genesis 1,26 auf die Ebenbildlichkeit des Menschen. Das erhebt ihn über alle Geschöpfe. Das ist an den Glauben an eine transzendente Wirklichkeit rückgebunden.

Das ist mehr als eine theologische oder philosophische Analyse oder Verhandlung. Dem Religionsunterricht könnte die Aufgabe zuwachsen, in der Schule Anwalt für dies Überzeugung des zweckfreien Wertes menschlichen Lebens und Existierens zu werden. Dies zu pointieren. Die Utopie dieses zweckfreien Lebens zu vergegenwärtigen. Religiöse Bildung hat demnach mit dem Theologen Gregor Maria Hoff die „Entfunktionalisierungsfunktion“[xi] in der Bildung. Hoff meint mit diesem Wortspiel, die spürbare Funktionalisierung des Menschen im Mainstream zu entlarven. Dies begründet er mit der Menschwerdung Gottes und der Gottesebenbildlichkeit. Das und nicht der Nutzen macht ihn unantastbar. Dieser Wirklichkeitszugang ist in der Gesellschaft nicht mehr selbstverständlich. Leben ist mehr als nur „funktionieren“. Der Mensch ist als Geschöpf allein um seiner selbst willen da und nicht in irgendeiner Funktion für den Betrieb oder den Staat. Die Dimension des Scheiterns, der Schuld, des Versagens und der Endlichkeit gehören zur Person. So wie es Margot Kässmann 2010 formulierte: „Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand“. Das ist letztlich eine Befreiungsdimension aus der tiefen Überzeugung des Verdanktseins und der Verankerung in der Transzendenz. Religionsunterricht wird damit zum Anwalt der Freiheit und Unverfügbarkeit: theologisch der Person, philosophisch der autonomen Existenz.

Eine Konsequenz sei hier kurz skizziert: Die Würde des Menschen ist unantastbar: auch für das Kapital. In meiner Promotionsschrift untersuchte ich schon ausführlich den erkennbaren Spagat religiöser Bildung zwischen Werteorientierung einerseits und Ökonomisierung andererseits. Durch die Digitalisierung verschärft sich dieser Spagat und das Profil von religiöser Bildung kommt noch klarer zum Vorschein. Es ist ein Aufschrei gegen die Reduzierung des Menschen auf seine Nützlichkeit. Oft bekommt man – zugespitzt formuliert – den Eindruck, dass im Alltag das Kapital unantastbar sei. Ihm scheint alles untergeordnet: in Beruf und beruflicher Bildung. Religiöse Bildung könnte im staatlichen Bildungsbereich zum Gegengewicht werden.

Das ist durchaus im Sinne der Soziallehre der katholischen Kirche. Danach hat, so sagt es das Konzilsdokument Gaudium et spes, die Wirtschaft keinerlei Eigenfunktion, sondern lediglich eine dem Menschen dienende.[xii] Die Wirtschaft hat demnach dem Menschen zu dienen und nicht der Mensch der Wirtschaft. Und das gilt analog auch für die virtuelle Welt und den digitalen Zwilling. Bildung fördert das Subjekt um seiner selbst willen.

FAZIT

In Schulen verdichtet sich das Gebilde Industrie 4.0. Zum einen stehen da die industriellen und ökonomischen Digitalträume, zum anderen bleibt der Erziehungsauftrag der Bürger in die freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Idealerweise könnte diese Verbindung in eine neue Bildungslandschaft 4.0 führen, deren Fundament und Säulen auf den Werten von Heute fußen. Das andere Extrem – sozusagen der worst case – wäre eine Entkoppelung beider Bereiche. Entweder indem die Bildung nur noch ökonomisiert wird, oder andernfalls, indem sich die Bildungsvorstellung naiv von der Ökonomie lebensfremd trennt. Beide sind keine Substitute, sondern komplementär verwoben. Das, was industriell und damit auch ökonomisch erforderlich ist, braucht die Einbindung in einen an Menschenrechten und Grundwerten ausgerichteten Rahmen und Diskurs. Beide sind Marker für ein entsprechendes Bildungskonzept der Zukunft, das eine lebenswerte Zukunft verheißt.

Wenn das staatliche Bildungssystem in die Grundwerte der Persönlichkeitsbildung und der selbstbestimmten Gesellschaft einführt, können an und durch die Schulen die Weichen für einen verantwortungsvollen Umgang mit industriellen und gesellschaftlichen Erfordernissen gestellt werden. Ein erfolgreicher Transformationsprozess in die digitale Zukunft bedarf in der Gegenwart einer klaren Grundoption. Diese klopft den Bildungsbegriff fest. Bildung ist mehr als ein Werkzeug zur Nutzenmehrung, Durch Bildung werden Menschen befähigt, ihre Zukunft zu gestalten. Das kann und darf nicht nur der unsichtbaren Hand des Marktes überlassen werden. Dazu müssen die Stellschrauben heute schon justiert werden. Die Industrie 4.0 wird das staatliche Bildungssystem vor eine Werteentscheidung stellen.


[i] Zitiert nach Landesrecht Baden- Württemberg, Schulgesetz für Baden-Württemberg in der Fassung vom 1. August 1983, in: http://www.landesrecht-bw.de/jportal/portal/t/ilh/page/bsbawueprod.psml?pid=Dokumentanzeige&showdoccase=1&js_peid=Trefferliste&documentnumber=1&numberofresults=1&fromdoctodoc=yes&doc.id=jlr-SchulGBW1983rahmen&doc.part=X&doc.price=0.0#jlr-SchulGBW1983pG1 (download 20.8.2018).

[ii] Felber, Christian, Gemeinwohlökonomie, Wien 2010, S. 13-14.

[iii] Ich beziehe mich bezüglich der vorherrschenden Bildungstheorie auf das bekannte Modell von Baumert, Jürgen, Deutschland im internationalen Bildungsvergleich, in: Killius, Nelson u.a. (Hrsg.): Die Zukunft der Bildung, Frankfurt 2002, S. 100-150.2002, S. 100-150.

[iv] Vgl. dazu ausführlich Grümme, Bernhard, Religionsunterricht und Politik. Bestandsaufnahme – Grundsatzüberlegungen – Perspektiven für eine politische Dimension des Religionsunterrichts, Stuttgart 2009, S. 103ff. und Schneider, Patrik, a.a.O., S. 384f.

[v] Ruster, Thomas, Der verwechselbare Gott. Theologie nach der Entflechtung von Christentum und Religion, Freiburg 2000 (Quaestiones disputatae 181), S. 197.

[vi] Vgl. z.B. die Dokumentation: Die Schule von morgen, Teil 1, arte, Straßburg, gesendet am 24.9.2018.

[vii] Homann, Karl / Lütge, Christoph, Einführung in die Wirtschaftsethik, Münster, 2., korrigierte Auflage, 2005, S. 9.

[viii] Dörre, Klaus / Lessenich, Stephan / Rosa Hartmut, Soziologie Kapitalismus Kritik. Eine Debatte, Frankfurt 2009, S. 96.

[ix] Dürfen Roboter über Menschenleben entscheiden?, Welt, 25.82018 In: https://www.welt.de/politik/ausland/article181301462/Autonome-Waffen-Duerfen-Roboter-ueber-Menschenleben-entscheiden.html

[x] Vgl. in der Moralpsychologie den Ansatz von Just-community Ansatz von Kohlberg, Lawrence. Vgl. ders., Der „Just Community“-Ansatz der Moralerziehung in Theorie und Praxis, in: Oser, Fritz, / Fatke, Reinhard / Höffe, Otfried, Transformation und Entwicklung. Grundlagen der Moralerziehung. Frankfurt a. M, 1984, S. 21-55; Kohlberg, Lawrence, Die Psychologie der Moralentwicklung, Frankfurt 1995Kohlberg. Dieser wurde für den deutschsprachigen Raum Anfang der 1990er-Jahren weiterentwickelt z.B. von Luterbacher, Michael / Althof, Wolfgang, Schüler lernen streiten. Aufbau einer konstruktiven Konfliktkultur in der ´Just-Community` Schule, in: Quesel, Carsten / Oser, Fritz, Die Mühen der Freiheit. Probleme und Chancen der Partizipation von Kindern und Jugendlichen, Zürich– Chur 2007, S. 137-162; Oser, Fritz, Althof, Wolfgang, Die Gerechte Schulgemeinschaft. Lernen durch Gestaltung des Schullebens, in: Moralische Erziehung in der Schule. Entwicklungspsychologie und pädagogische Praxis. Weinheim – Basel 2001, S. 233-268. In jüngeren Ansätzen für den deutschsprachigen Raum siehe: Lind, Georg, Moral ist lehrbar, Handbuch zur Theorie und Praxis moralischer und demokratischer Bildung, München 2003, S. 97-129.; Edelstein, Wolfgang / Frank, Susanne / Sliwka Anna (Hrsg.): Praxisbuch Demokratiepädagogik. Weinheim, Basel 2009. Prominent ist aus dem amerikanischen Bereich auch der Ansatz des Gründers der Gewaltfreien Kommunikation Rosenberg, Marshall, Erziehung, die das Leben bereichert, Paderborn, 5. Auflage 2013.

[xi] Hoff, Gregor-Maria, Positionierung in der Pluralität, in: Rendle, Ludwig (Hrsg.), Standorte finden. Religionsunterricht in der pluralen Gesellschaft, 5. Donauwörth 2010, S. 26-45, Begriff: siehe S.29.

[xii] Vgl. II. Vatikanum, Gaudium et spes Nr. 67.