IV. SCHLUSSFOLGERUNG: VOM GELASSENEN UMGARNEN DES DIGITALEN ZWILLINGS

Wie umgarne ich meinen digitalen Zwilling – so lautete die Eingangsfrage. Das Sprachbild Digitaler Zwilling beschreibt eine sehr intime Verwandtschaftsbeziehung. Zwillingsgeschwister sind sich ja sehr nahe. Gleichberechtigt. Nach dem Befund dürfte jedoch klar sein: Virtuelle Welten sind keine personalisierten Wesen oder gar Partner des Menschen. Dennoch locken sie. Wie gehen wir mit diesen Versuchungen um? Drei mögliche Antworten sollen am Ende skizziert werden:

Erstens: Umgarnen setzt voraus, den digitalen Zwilling als ebenbürdiges und personales Wesen anzuerkennen. Denn Umgarnen kann ich nur Wesen, denen ich nahe bin. Und hier lauert eine permanente Gefahr in der derzeitigen Debatte um die Industrie 4.0: den digitalen Zwilling, die virtuelle Welt, mit dem Menschen gleichzuschalten. Wenn der Mensch qua Definition lediglich reduziert als nutzengesteuertes Wesen verstanden wird, dann ist auch eine Künstliche Intelligenz, die den Nutzen mehrt, ihm ebenbürdig. Aus automatisierten Fahrzeugen werden dann autonome. Höchst verräterisch! Diese Autos und die autonomen Subjekte werden dann tatsächlich identisch, nicht mehr unterscheidbar. Wenn ich dermaßen den digitalen Zwilling umgarne, dass ich ihn zum Partner, zum Familienmitglied erkore, dann droht die Entmenschlichung und Entindividualisierung.

Autonomie im Sinne der Aufklärung schließt die Dimension der Freiheit, der Kreativität, und der Intuition ein. Jedes Subjekt ist zu politischen, ethischen oder religiösen Urteilen fähig – nicht aufgrund von Algorithmen, sondern aufgrund der praktischen Vernunft. Ohne Leitung eines anderen. Kategorische Imperative sind etwas anderes als Algorithmen. Der digitale Zwilling ist in diesem Sinne kein Ebenbild des Menschen. Kein Selbst ohne Selbstbestimmung! Das Sprachbild kann in eine anthropologischen Selbstreduktion führen,

Das eingangs erwähnte Beispiel Singapur zeigt die lauernde Gefahr. Ein Staat, der die Dimension der der Menschenbildung aus seiner Bildung ausklammert, kommt an seine Grenzen und überfordert Kinder und Jugendliche durch überzogene Leistungsansprüche.

Zweitens: Umgarnen kann auch heißen, dass uns der digitale Zwilling lockt. Das Sprachbild suggeriert eine intime Nähe der virtuellen Welt – die uns vielleicht sogar näher und vertrauter scheint als die reale. Dieser digitale Zwilling lockt mit unsichtbarer Hand. Mit der Verheißung einer besseren, schöneren Welt. Realitätsflucht! Sprich: wie verhalten wir uns zu dieser virtuellen Welt, in der alles möglich scheint. Grenzen des Körperlichen, des Räumlichen und Zeitlichen zerfließen. Das betrifft nicht nur virtuelle Videowelten oder Partnerbörsen. Besonders die Debatten um Fake-News zeigen das neue Ringen um Wirklichkeit. Was ist wahr?

Empirie und erfassbare Datenmengen können nicht alles abbilden, was das Menschsein ausmacht. Derzeit leben wir in einer Phase, die mit dem Fremdwort evidenzbasiert den Eindruck erzeugt, als könne die Welt und der Mensch digitalisiert in einem Idealzustand abgebildet und dargestellt werden. Und damit alle anstehenden Probleme gelöst werden. Doch hier droht die Fata Morgana. Wenn man mit der kantschen Subjektbrille hinschaut, dann entpuppen sich die Datenerfassungen, Algorithmen und Wissensansammlungen lediglich als Akte der Verwaltung; sie sind aber kein lebendiges Geschehen oder Akte der Personalität. So kann der der digitale Zwilling qua definitionem nicht die personale Tiefendimension des Daseins: z.B. die existenziale Band- und Spannbreite von Trauer, Freude, Scheitern, Liebe, Sexualität, Intimität. Die sachgerechte Verarbeitung von Liebeskummer läuft nicht algorithmisch, sondern trifft jeden Jugendlichen existenziell. Der Schmerz und die Tränen sind nicht mess- und zählbar. Datenbanken können lediglich Bestände erfassen, sie verwalten, systematisieren und aufgrund von Wahrscheinlichkeiten auswerten. Der digitale Zwilling kann keine Antwortet auf die sich auf auftuende Sinnfrage geben. Verantwortung ist ein höchst personaler Alt. Virtuelle Welten sind eine Scheinwelt!

Soweit ist klar, dass Skepsis angebracht ist. Es gibt keine intime Beziehung oder Partnerschaft wie die von Zwillingen in dieser virtuellen Wirklichkeit. Die virtuelle Welt ist lediglich eine reduzierte Realität, ein Muster, dem die personale und vernünftige Dimension fehlt. Digitale Verwandten wird es so schnell nicht geben.

Drittens: Umgarnen hat zu guter Letzt etwas spielerisches und leichtes. Ein bekanntes Gebet aus der Suchtselbsthilfebewegung könnte helfen, eine innere, adäquate Haltung zu entwickeln, die uns den spielerischen Abstand zu wahren hilft: „Gott, gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden“ [i].

PC-Welten bergen Suchtpotenzial. Menschen spielen stundenlang Videospiele, verzocken ihr Geld in virtuellen Casinos, suchen ihre Lebenspartner in Singlebörsen oder füttern und versorgen täglich die Maschinen mit Daten. Manche leben in den virtuellen Welten mehr als in ihrer analogen Gegenwart.

Nun bedarf es in diesem Horizont einer neuen Haltung der Gelassenheit oder modern gesprochen: der Resilienz. Diese kann man einüben, wenn man den Digitalen Zwillinge nicht zum Subjekt und Partner hochstilisiert und seine familiäre Intimität enttarnt. Gelassenheit heißt, eigene Stärke und Widerstandskraft aufzubauen. Umgarnen hieße in diesem Sinne, sich in spielerischer und gelassener Haltung der neuen virtuellen Welt, z.B. der Industrie 4.0 zu nähern.

Gelassenheit im Umgang mit dem digitalen Zwilling, den Mut sich nicht von ihm vereinnahmen zu lassen und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden sind wohl die angemessenen Haltungen, die heute der Umgang mit dem digitalen Zwilling menschlich ermöglichen. Diese einzuüben, gehört wohl zu einem humanen Schul- und Bildungssystem. Mit dieser Haltung wird der Digitale Zwilling weder zum Superman noch zur Bestie. Er bleibt das, was er ist: eine Maschine, die dem Menschen dient.


[i] Vgl. das bekannte Gelassenheitsgebet: „Gott, gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,   den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,   und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden“. Seine Urheberschaft ist unklar. Es wird Reinhard Niebuhr zugeschrieben.