Ökumenischer Gottesdienst zum 1. Mai 2019 in Karlsruhe „Europa jetzt erst richtig“

Hinführung

Predigt

Ein Waffenstillstand allein bringt noch lange keinen Frieden. Das lässt sich zumindest aus den beiden Katastrophen des 20. Jahrhunderts lernen. Das Schweigen der Waffen genügt nicht. Zum Frieden gehört eine politische Haltung.

Nach dem Ersten Weltkrieg galt der Grundsatz: Die Nation ist unantastbar. Dolchstoßlegende. Gekränkte Ehre; Legenden vom Vaterlandsverräter, verletzte Nationalstolz- erkauft mit den Reparationsleistungen – wurde dann zum Nährboden für die nächste Katastrophe: 15 Jahre später: dem 3. Reich. Hier galt als Steigerung dann der Grundsatz: Die Rasse ist unantastbar. 12 Jahre hielt diese Maxime der Rasse und des Deutschtums dann… mit verheerender Bilanz!

Erst nach über 70 Millionen Toten wurden dann einige gescheit: die Väter und Mütter des Grundgesetzes legten die Basis für den Frieden in Europa mit einer neuen Meßlatte: den Menschenrechten. In wenigen Tagen feiern wir den 8. Mai: 70 Jahre Grundgesetz. Dort steht in dicken Lettern diese Meßlatte: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Eine Vision, eine Utopie – gegen die täglich noch verstoßen wird. Aber sie brachte unserer Generation tatsächlich Lebensfülle! Über 70 Jahre Frieden nicht nur am Rhein!

Doch diese Maxime ist wieder in Gefahr: Heute würden einige über die Verfassung lieber schreiben: Das Kapital ist unantastbar. Nach Jahrzehnten des Marktradikalismus und Neoliberalismus entspräche das mehr dem Zeitgeist. Wirtschaftliche Globalisierung ohne Rücksicht auf den Nächsten und seine Würde. Doch damit – so die schmerzliche Erinnerung, Warnung und Erfahrung aus dem dunklen Kapitel des 20. Jahrhunderts – gelingt kein dauerhafter Frieden! In den aufkeimenden Nationalismen, im Populismus verschleiert sich der nackte Kapitalismus: im Zerrbild des homo oeconomicus, der den homo sapiens ins Abseits katapultiert. Stattdessen schafft er: Brot und Spiele, Ablenkung und Ersatzbefriedigung durch Feindbilder. Und dieses Unkraut beginnt wieder zu sprießen und zu blühen: LePen, Orban, die AFD vor der eigenen Haustür und andere populistische Bewegungen im Aufwind: selbst in Schweden und Norwegen. America first!

Halten wir nochmals inne. Die beste aller Vorstellungen war die des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Damit gelingt der Frieden! Waffenstillstand alleine genügt nicht. Frieden ist eine innere Haltung! Ein kategorischer Imperativ der moralischen und politischen Vernunft.

Wertekatalog:

=> Achtung gegenüber allen Menschen / Lebensrecht -> Ächtung von Nationalismen / Ächtung autonomen Waffengattungen / uneingeschränktes Lebensrecht von Flüchtlingen (Syrien)

=> Achtung der Ansprüche kommender Generationen –Generationenvertrag: Abwendung der Klimakatastrophe -> Greta Thunberg: Fridays for Future

=> Teilen unter allen Menschen: Dass es allen reicht! Essen, Trinken. Kein Marktradikalismus, kein ausbeuterischer Neoliberalismus, kein heimlicher Abbau von Sozialstandards -> hireing on demand / Digitale Nomaden / unternehmerisches Selbsts züchten

Liebe

Auch ein kategorischer Imperativ religiöser Vernunft!

Bei allen Negativschlagzeilen, die die christliche Kirchenobere hervorgebracht haben: eines haben sie über Jahrtausende geoffenbart und überliefert: Echte Gottesliebe, echte Begegnung mit der Transzendenz, zeigt sich in der Anerkennung und Achtung des Anderen. Gottesliebe ohne Nächstenliebe ist eine Anmaßung! Ebenso ohne Selbstfreundschaft. Wie in einer Ellipse öffnet die Vertikale zu Gott die Horizontale zum Mitmensch und mir selbst. Das lässt sich ablesen im Programm Jesu, der als Messias bekannt wurde. Christus heißt Messias. Seit dem 8. Jahrhundert v. Chr. wartet das jüdische Volk auf den von Gott Gesandten, von dem es beim Propheten Jesaja hieß: Er würde „die Hilflosen gerecht richten“, „nicht nach Hörensagen du Augenschein richten“, Jesus griff als Jude auf das Gesetz des Altes Testaments zurück. Dort steht das Doppelgebot an prominenter Stelle. Der heilige Franziskus übersetzte es in die Feudalgesellschaft des Mittelalters. Auch andere Religionen greifen auf diese Spiritualität zurück. Mathama Gandhi schaffte damit den gewaltlosen Widerstand, der Dalai Lama bezeugt es. Oder moderne Zeugen: z.B. der Begründer der non violant communication, der Jude Marshall Rosenberg mit seinem politischen Programm:

Nun haben wir weniger ein religiöses, als ein Verständigungsproblem in der Moderne. In der Katechese wird die Liebe, insbesondere im religiösen Horizont, arg verniedlicht. * Friede, Freude, Eierkuchen. * Piep piep piep wir haben uns alle lieb, * seid lieb und nett, * Rosamunde Pilcher. Aber das ist bei näherem Hinsehen so nicht. Gerechtigkeit und Liebe sind in dieser Spiritualität nicht getrennt. Die Liebe deutet die Gerechtigkeit neu: Es ist eine Gerechtigkeit, die den anderen wertschätzt, achtet und beteiligt – und vor allem alle satt werden lässt. Das ist der Kern des Liebesgebotes. Dass die Hungrigen satt werden und die Reichen leer ausgehn. Und diese Spiritualität gehört zur europäischen Tradition! Wird als jüdisch-christliches Erbe zusammengefasst.

Jesus würde, wenn er heute leben würde, vielleicht eher folgende Variante nutzen: „Achte Deinen Nächsten wie dich selbst“; „schätze den Nächsten wert wie dich selbst“; „Sei empathisch zu allen wie du selbst mit dir wertschätzend umzugehen hast“. Die Demokratie lebt genau von dieser Achtung und Wertschätzung und der Vision, dass alle satt werden. Das ist der Geist der Rede von der Unantastbarkeit der Würde des Menschen: des Anderen als auch meiner Eigenen! Und dafür stehen wir als Gewerkschafter und Christen! Und deshalb gehen wir heute auf die Straße!

Im 1. Mai Aufruf des DGBs heißt es: „Am 1. Mai zeigen wir klare Kante gegen Rechts und alle, die unser Land und Europa spalten wollen. Wir sagen Nein zu Intoleranz, Nationalismus, Rassismus und Rechtspopulismus.“

Und dem ist am Schluss positiv das Wort eines Mannes hinzuzufügen, der das schon inmitten der Greuelzeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts visionär verstanden hatte und viele von uns bis heute begeistert: ein Wort des Kardinals Josef Cardijn – dem Gründer der CAJ. Mit seinem Grundsatz möchte ich schließen: „Jeder Mensch ist mehr wert als alles Gold dieser Welt…“ und dazu sagen wir JA!

Amen