Archiv des Autors: Patrik Schneider

Bildungswerk Gaggenau, 20. März 2019, 19.30, St. Marien

Wie umarme ich meinen digitalen Zwilling? Ein Beitrag zur Enttarnung eines Hirngespinsts

Häufig ist heute von Digitalen Zwillingen die Rede. Klingt niedlich, familiär und vertraut. Der digitale Zwilling soll, so die Erwartung, z.B. virtuell industrielle Produktionsprozesse und -verfahren abbilden und die analoge Arbeit entlasten. Aber nicht nur in der Industrie werden wir mit diesem Geschwisterchenbild konfrontiert. Evidenzbasierte Datenerhebungen bestimmen den Arbeitsalltag in Pflegeeinrichtungen, kirchlichen Verwaltungen und sozialen Einrichtungen.

Wie begegnen wir diesem digitalen-Ich? Welche Beziehung haben wir zu ihm? Er zu uns? Ist er uns ebenbürdig? Darüber soll an dem Abend nachgedacht werden. Nach der Einführung in diese Fragestellung soll die Reduktion des Menschseins hinter dem Sprachbild kritisch beleuchtet werden. Die Vorstellung eines Selbsts ist an die Selbstbestimmung geknüpft. Z.B. an das Vorhandensein einer praktischen, z.B. religiösen und moralischen Vernunft. Die jüdisch-christliche Tradition versteht den Menschen als eine aus Gott verdankte Existenz. In der Industrie hingegen herrscht ein reduziertes Bild vom Menschen, das besagt, dass das Individuum lediglich seinem Eigenvorteil folgt.

Diese beiden Menschenbilder prallen im Hintergrund des gesellschaftlichen Diskurses um die digitale Zukunft derzeit aufeinander. Vermischen sich unrefektiert. An dem Abend sollen die versteckten Menschenbilder im Hintergrund der gegenwärtigen Debatte um die Industrie 4.0 analysiert und die praktischen Folgen dieser Reduktion ausgeführt werden.

Dr. Patrik Schneider

Konfliktmanagement

Personal- und Betriebsrätekreis Freiburg: Konflikte in der Arbeitswelt – Welche Lösungsmöglichkeiten
bietet das aktuelle Arbeitsrecht?
  • Donnerstag, 31. Januar 2019, 19.00 Uhr
  • Ort: Haslacher Hof, Freiburg 
  • Leitung: RA Michael Wirlitsch
DGB – KAB – EAN in Karlsruhe
Konflikte am Arbeitsplatz
und ihre Bewältigung
  • Dienstag, 22. Januar 2019 2019, 19.00 Uhr
  • Ort: DGB-Gewerkschaftshaus Karlsruhe:„Konflikte in der Arbeitswelt – Welche Lösungsmöglichkeiten bietet das aktuelle Arbeitsrecht?“
    Referenten: Rechtsanwältin Silke Reiter, Baden Baden, Dr. Patrik Schneider, Achern.
IG Metall Gaggenau: Konflikte in der Arbeitswelt –
Welche Lösungsmöglichkeiten
bietet das aktuelle Arbeitsrecht?
  • Freitag, 16. November 2018, 19.00 Uhr
  • Ort: Gewerkschaftshaus Gaggenau 
    Referenten: RA Michael Wirlitsch, Konstanz, Dr. Patrik Schneider, Achern

Digitale Welten

„Ohne Selbst keine Selbstbestimmung“
(Joachim Bauer)

Digitale Vernetzungen und Strukturen verändern unseren Alltag. Der digitale Zwilling ein Sprachbild aus der Industrie 4.0[i] – begleitet uns auf Schritt und Tritt. Schon am Bankomaten, beim Ausfüllen der Steuererklärung oder in den social media Plattformen: die erstellten Profile werden zum Abbild unserer Individualität, auch in der Arbeitswelt: die Produktionsprozesse werden gläsern. Und sogar in der Schule wird er zum digitalen Kollegen: Elektronische Klassenbücher, digitale Notenerfassungen: Der Zwilling bildet uns ab als sein Ebenbild – so fabuliert und phantasiert von einem Theologen.

Der Prozess der Digitalisierung schreitet unaufhaltsam voran. Auch im staatlichen Bildungssystem. So beschloss das baden-württembergische Wirtschaftsministerium am 1. Juni 2018 nach einer erfolgreichen Pilotphase die flächendeckende Einführung von Lernfabriken 4.0 an allen Gewerbeschulen. [ii] An kaufmännischen Berufsschulen können etwa 5.000 Berufsschüler an einem groß angelegten Versuch mit Tablets teilnehmen, die im Unterricht eingesetzt werden. Zum Schuljahr 2018/ 19 wurde Informatik als Pflichtfach an weiterführenden Schulen eingeführt. Das sei nach dem Wirtschaftsministerium eine Investition in die Bildung der Zukunft und damit in den Standort Baden-Württemberg.

Aber in welche Zukunft? Dieser Aufsatz ist ein Versuch, einen Überblick über die enge Verzahnung von Industrie, Digitalisierung und Bildung zu geben und gleichzeitig sich daraus sich ergebenden Fragen an den staatlichen Bildungssektor von Morgen zu skizzieren. Festgezurrt am Sprachbild vom digitalen Zwilling.

Was hat es mit dem Sprachbild auf sich? Zwillinge sind ja nahe Verwandte. Enger geht es nicht. Geschwisterliebe. Lebenslange Verbindung. Wird uns dazu die virtuelle Welt? Werden wir da neu geschaffen? Idealtypisch? Oder standardisiert? Ein alter ego? Der Artikel will nicht verschwörungstheoretisch schwarzmalen, sondern zur Differenzierung einladen. Erkenntnisbereichernd könnte eine Rückbesinnung auf den ursprünglichen Gehalt des Subjetbegriffs sein. Diese erhellt die Vorstellung vom modernen Menschenverständnis. Tatsächlich kannte die Aufklärung verschiedene Auslegungen und Nuancen. Seit dieser Zeit schwirren verschiedene, teils diffuse Deutungen, über die Autonomie und das Subjekt durch die Epochen. Und ist bis heute ist das ein Zankapfel zwischen Ökonomen und Demokraten. Ungeklärt. So bleibt Kant bis heute aktuell. Durch eine entsprechende Analyse mit Hilfe der Philosophie können die teils unklaren Subjektvorstellungen der Gegenwart aufgedeckt und damit auch beitragen, den diffusen Graben zwischen der ökonomischen und humanistischen Bildungsintention aufzudecken. Aber genau das Erkennen dieser Differenz, das Vermessen des Grabens bringt Licht für die Gestaltung einer irgendwie gearteten Bildung 4.0.

Ein Versuch, der lohnenswert scheint. Denn es steht viel auf dem Spiel: Das Selbstverständnis vom Menschen und damit gekoppelt die Vorstellung von seiner Autonomie. Diese droht, so die Grundthese des Artikels, dort zu zerbröseln, wo die Maschine zum Zwilling und Partner des Menschen erhoben wird. Mit dem Freiburger Neurologen Joachim Bauer lässt sich dem schlicht entgegen halten: „Ohne Selbst keine Selbstbestimmung“[iii]. Dieser Satz könnte – wie einst im Orakel von Delphi – als Erinnerung und Mahnung über das neu anbrechende Zeitalter Digitalisierung geschrieben werden. Um das geht es! Um ein Erinnern an das Selbst, den autos, wie die Griechen sagten! Verbunden mit einem Mahnen, den Menschen nicht selbst nur als Algorithmus zu begreifen, und damit das Licht vom Selbst zu reduzieren. Dazu will dieses Essay einen Beitrag leisten. Und das geht methodisch, wenn wir den Ur-Zank zwischen Kant und den englischen Empiristen uns vergegenwärtigen und seinen Nachhall für das Heute hörbar machen.


ANMERKUNGEN

[i] Vgl. zum Begriff bspw.: Brösser, Stefan, Artikel: Digitaler Zwilling, Gablers Wirtschaftslexikon, in: https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/digitaler-zwilling-54371/version-277410, überabeitet am 19.02.2018: „Ein digitaler Zwilling ist ein virtuelles Modell…,welches die reale und virtuelle Welt verbindet… Diese Kopplung der virtuellen und realen Welten ermöglicht die Analyse von Daten und die Überwachung von Systemen, z.B. Probleme verstehen und bearbeiten, bevor sie überhaupt auftreten, Ausfallzeiten vermeiden, neue Chancen entwickeln und mithilfe von Computersimulationen die Zukunft zu planen.“

[ii] Presserklärung des Staatsministeriums Baden-Württemberg vom 1.6.2018, in: https://www.baden-wuerttemberg.de/de/service/presse/pressemitteilung/pid/neue-foerderrunde-fuer-lernfabriken-40/

[iii] Bauer, Joachim, Selbststeuerung. Die Wiederentdeckung des freien Willens, München 2015, S.9.

Veranstaltungstipp für eine Bildungsveranstaltung

Kontakt: 0171 3861621

Wie umarme ich meinen digitalen Zwilling? Ein Beitrag zur Enttarnung eines Hirngespinsts

Häufig ist heute von Digitalen Zwillingen die Rede. Klingt komisch, ist aber so. Niedlich und vertraut. Wer mag diese familiäre Atmosphäre denn nicht. Der digitale Zwilling soll, so die Erwartung, z.B. virtuell industrielle Produktionsprozesse und -verfahren abbilden und die analoge Arbeit entlasten. Aber nicht nur in der Industrie werden wir mit diesem Geschwisterchenbild konfrontiert. Evidenzbasierte Datenerhebungen bestimmen den Arbeitsalltag in Pflegeeinrichtungen, kirchlichen Verwaltungen und sozialen Einrichtungen. Fast scheint es so, als gäbe es ein geschwisterliches und familiär-vertrautes Verhältnis zum virtuellen Partner.

Und tatsächlich: Jeder und jede von uns hat ihn und sie tatsächlich schon: ein digitales Ich – registriert mit Nummern bei Ämtern, Personalabteilungen und Behörden, in social medias oder einfach per Videoaufnahme beim Bankomaten. Es gibt einen digitalen Zwilling von uns, der uns dann beim Surfen z.B. Werbung passgenau zusenden kann, unsere Finanzen abgleicht oder unsere Leistungen mit Schulnoten exakt erfasst. 

Wie begegnen wir diesem digitalen-Ich? Welche Beziehung haben wir zu ihm? Darüber soll an dem Abend nachgedacht werden. Wie Umgarnen und pflegen wir ihn? Welches Profil ist wünschenswert? Oder andersherum – vielleicht noch entscheidender? Wie umgarnt er uns? Wie wirkt das digitale Ich im Alltag? Gehen wir darin auf? Oder sind wir mehr? Können wir uns überhaupt noch vor ihm schützen, wenn durch ihn mit unsichtbarer Hand gelockt wird? Z.B. mit Werbung, die durch sein Profil auf uns genau zugeschnitten wird?

Was hat es damit auf sich? Zwillingsbeziehungen sind hochsensibel und intim. Es setzt Augenhöhe voraus. Das Sprachbild Digitaler Zwilling stammt aus der Unternehmens- und Industriewelt. Die Digitalisierung verspricht eine neue Phase der Industrialisierung, die mit dem Schlagwort Industrie 4.0 auf sich aufmerksam macht. Der Roboter wird in dieser Erwartung tatsächlich zum Partner des Menschen. Zum vertrauten Geschwister. Entwickeln Menschen tatsächlich ein familiäres Verhältnis zu den virtuellen Welten? Ist das die Hoffnung? Ist der Digitale Zwilling der neue, zukünftige Partner der Menschheit? Das ist zumindest in den plakativen Sprachbildern heute schon herauszuhören.

Nach der Einführung in diese Fragestellung soll die Reduktion der vertrauten und familiären Beziehung zu den virtuellen Welten kritisch beleuchtet werden. Ist der digitale Partner tatsächlich dem Menschen ebenbürdig? Das erfordert ein Innehalten und Nachdenken. Nach Immanuel Kant ist die autonome Subjektvorstellung der Moderne geknüpft an das Vorhandensein einer praktischen, z.B. religiösen und moralischen Vernunft. Das erzeugt den Rahmen für freie Entscheidungen. Die jüdisch-christliche Tradition versteht den Menschen als eine aus Gott verdankte Existenz. Diese begründet seine Würde und macht ihn unantastbar. In der Industrie hingegen herrscht vorwiegend das reduzierte Bild vom Menschen, das besagt, dass das Individuum lediglich im Handeln nach dem zu erwartenden Nutzen und seinem Eigenvorteil folgt. Wenn Maschinen auch den Nutzen mehren, dann werden sie zum Partner. Aber werden da nicht personale Tiefenschichten des Menschseins völlig ausgeklammert? Trauer, Leiden, Glück oder Liebe lassen sich nicht algorithmisch abzählen. Verzweilfung und Scheitern lassen sich nicht mit Statistiken und evidenzbasierten Erhebungen lösen.

Diese beiden Menschenbilder, so die zu diskutierende These, prallen im Hintergrund des gesellschaftlichen Diskurses um die digitale Zukunft derzeit aufeinander. Vermischen sich. An dem Abend sollen die versteckten Menschenbilder im Hintergrund der gegenwärtigen Debatte um die Industrie 4.0 analysiert und praktische Auswirkungen der Reduktion ausgeführt werden. Zum Beispiel ist die vielerorts zu hörende Begrifflichkeit „Autonomes Fahren“ von diesem Hintergrund fraglich. Denn sie suggeriert, dass Autos autonom sind. Es gibt aber kein autonomes Fahrzeug. Autos sind gesteuert. Sie arbeiten lediglich von Menschenhand programmierte Algorithmen ab. „Auto-nomos“ ist hingegen eine Ehrenbezeichnung des Menschen. Es bezeichnet die Fähigkeit des Menschen, sich mit seiner Vernunft selbst Gesetze geben zu können. Dazu gehören soziale und emotionale Fähigkeiten. Das alles kann ein Auto nicht. Ein fundamentaler Unterschied!

Dr. Patrik Schneider

Think tank – Professor Hans Mendl als Gastreferent in Gaggenau

Think Tank: Neue Ansätze beim Lernen – Wie umgehen mit „Moral Machines?“

Denkfabrik steht in großen Lettern neben dem Schild: Lernfabrik 4.0 im Glashaus der Carl-Benz Schule in Gaggenau. Denn die Digitalisierung, speziell die Utopie einer Industrie 4.0, betrifft nicht nur die Technik, sondern alle Schichten des Menschseins und wirft ganz neue Fragen auf. Prominentes Beispiel ist derzeit das Dilemma der ethischen Programmierung von autonomen Fahrzeugen. Wie soll und kann, so die Frage, die Reaktion eines Autos verlaufen, wenn ein Kind plötzlich über die Straße läuft? Autos werden dann zu „Moral Machines“. Darüber wird weltweit nachgedacht: Z.B. an der renommierten Universität Massachusetts Institute of Technologys (MIT) oder im Deutsche Ethikrat.

Welchen Beitrag kann die Bildung der Berufsschulen dazu leisten? Die Programmierer von morgen brauchen offenbar ethische Grundkenntnisse. Wenn der Mensch zum Entscheider und Unterbrecher von algorithmischen Regeln wird, wenn der Mensch sogar zum Programmierer von Todesalgorithmen wird, dann braucht es eine demokratische Ethik, die verallgemeinerbar nachvollziehbar ist. Sonderethiken, sei es religiöser Fundamentalismus oder reine Nutzenethik reichen dazu nicht. Wie mit solchen Dilemmata umgehen? – das war Gegenstand des Politischen Feierabendgesprächs am 7. November. Mit dem Gast, Professor Hans Mendl, Lehrstuhlinhaber für Religionspädagoge an der Universität Passau, konnte ein Spezialist für den Grenzbereich Ethik, Religion und Gesellschaft für die Gaggenauer Denkfabrik gewonnen werden. Einer seiner Forschungsschwerpunkte sind Konstruktivismus-Theorien.

Ethische oder religiös orientierte Bildung gehen, so die These von Mendl, lerntheoretisch nur über die Aneignung im Lerner. Ethik ist nicht aufzwingbar. Schon gar nicht fördere die Behauptung einer Wahrheit – auch nicht einer religiösen –eine ethische Haltung. Der Lerner muss sie individuell ausbilden und entwickeln. Dabei räumte Mendl erstmal mit dem weitverbreiteten Missverständnis auf, dass religiöse Bildung in der Schule Weisungen von oben nach unten verordnet. Vielmehr stehen das Subjekt und seine Aneignungsfähigkeit im Mittelpunkt der gängigen ethischen und religiösen Lerntheorien. Sie sind eingebettet in den konstruktivistischen Bezugsrahmen. Dieses Fremdwort erklärt er wie folgt: Der „Konstruktivismus stellt ein Modell dar, um zu erklären, wie Wirklichkeit entsteht. Die Vorstellung einer „objektiven“ Wirklichkeit bzw. der objektiven Erkennbarkeit von Wirklichkeit wird in den verschiedenen konstruktivistischen Theorien in verschiedener Weise infragegestellt. Die Welt entsteht im Subjekt“. Für das Lernen heißt das. Das lernende Subjekt wird als Ausgangs- und Zielpunkt jeglichen Lernprozesses betrachtet. Religion wird in der staatlichen Bildung nicht verordnet, sondern erschließen sich als Orientierung, als Rahmen zur Entwicklung einer ethischen Haltung. Sie dient der Demokratiefähigkeit.

Das ist nicht nur ein Tribut an die moderne Erkenntnistheorie. Dass Ethik und Religion nicht linear von oben verordnet sind, zeige schon der Aufbau der Bibel, der Offenbarungsurkunde. Dort gibt es in den Evangelien vier Konstrukte, nämlich vier verschiedene Erzählungen über das Leben Jesus aus unterschiedlichen Blickwinkeln der Verfasser dokumentiert und interpretiert. Auch die Moral- und Dogmengeschichte seien Zeugnis von Konstrukten, die im Kontext ihrer Zeit einer ständigen Veränderung unterlagen.

Es gibt zum anderen aber nach Mendl auch nicht das angenommene idealtypische Einheitssubjekt. Religiöse und ethische Lerntheorien greifen deshalb die Vielfalt von Meinungen der Menschen von heute bewusst auf und fördern die Fähigkeit zur Orientierung. Diese entsteht nachhaltig und lebensbereichernd nicht durch theoretische Gespräche im Unterricht, sondern nur durch das Erreichen einer emotionalen und existenziellen Tiefendimension. So ist es ein Unterschied, ob Schüler und Lehrer im Klassenzimmer über ein Weiterleben nach dem Tode „verhandeln“, oder ob sie sich nach einer Trauerfeier darüber austauschen. Nachhaltiges Lernen in diesem Sinne schließt an Emotionen und Vorerfahrungen an und vertieft diese durch die anschließende Reflexion und Kognition. Subjektiv ethische Grundhaltung Haltung entstehe durch die Reflexion gelebter Handlung und Praxis.

Damit werde die Grundlage für eine Verantwortung gelegt, die auch in die anstehenden Berufsanforderungen hineinreiche und die Brücke zwischen Ethik und Technik bildet. Denn so Mendl: „Algorithmen entstehen nicht wertfrei, sie gründen auf prinzipiellen ethischen Entscheidungen. Diese können letztlich nur Menschen treffen. Die Bewusstseinsbildung und Qualifikation für die bedeutende Verantwortung des Menschen an der Schnittstelle zwischen Menschen und Maschine ist deshalb eine grundlegende Bildungsaufgabe.“ Dazu braucht es „hochgradig selbstreflexive Subjekte, die sich der Verantwortlichkeit ihres Handelns bewusst sind“ und den demokratischen Grundkonsens kennen.

Mendl ermutigte abschließend, solche Lernfabriken wie die in der Carl-Benz Schule als Lernlandschaften zu begreifen. Diese sind Ausschnitte aus der Realität und eröffnen diverse Zugänge zu einem komplexen Lernen. An solchen Landschaften können z.B. entdeckendes Lernen, die Individualisierung ermöglichendes Lernen (z.B. Freiarbeit, Lernzirkel), aktivierendes und produzierendes Lernen, biographischen Lernen und dialogisches und diskursethisches Lernen gefördert werden.

Ein Abend, der Lern- und Denkfabrik in Verbindung brachte! Moral Machines werden nicht nur die Berufsschule noch lange begleiten. Für interessierte Leser ist das von Professor Hans Mendl ausgeteilte Thesenpapier mit ausführlicher Literaturliste als PDF-Datei beigefügt.

Dr. Patrik Schneider, Achern (November 2018)

Acher-Renchener-Zeitung (ARZ) vom 17.3.2018 von Regina de Rossi

Bericht zur 2. Veranstaltung der SPD Achern im Rahmen der Veranstaltungsreihe: Zur Zukunft unserer Arbeit 2018

„Mit dem Thema »Fairer Umgang am Arbeitsplatz« setzte die SPD Achern die Reihe »Zukunft unserer Arbeit« fort. In der Gaststätte Zur Hoffnung hatten sich neben eigenen Mitgliedern zahlreiche Interessenten aus den unterschiedlichsten Arbeitsbereichen eingefunden.

Patrik Schneider, ausgebildeter Mediator, konnte den  Konstanzer Fachanwalt für Arbeitsrecht, Michael Wirlitsch,  für diese Veranstaltung gewinnen. Michael Wirlitsch erläuterte das Thema aus juristischer Sicht. Fairer Umgang am Arbeitsplatz bedürfe daher der Einhaltung zwingender Gesetze als Grundvoraussetzung.

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Mediation

Mediation ist wie eine Zeitlupe. Spielzüge aus dem realen Leben werden verlangsamt nach-verfolgt, analysiert und reflektiert: um sich dann im realen Leben wieder neu zu positionieren…

Mediation ist ein Instrument der Konfliktlösung. Die Mediatoren geben keine Ratschläge, sondern unterstützen die Konfliktparteien, eigene Lösungen zu finden. Wertschätzung, Achtsamkeit und Einfühlung schaffen im Zeitlupenmodus den Rahmen einer Verständigung.

(Die Freiburger Akademie Zweisicht  hat dazu ein selbstredendes auf Youtube ein Erklärvideo veröffentlicht: Mediation“ (SimpleShow) 

Gewaltfreie Kommunikation

Kern und Herzstück dieses Mediationsverständnisses ist die Gewaltfreie Kommunikation nach dem Modell des 2015 verstorbenen politischen Mediators und Psychologen Dr. Marshall Rosenberg. Er entwickelte dieses Modell in der Tradition der humanistischen Psychologie. Rosenberg war Schüler von Carl Rogers (1902-1987), dem Begründer der personenzentrierten Gesprächstherapie.

Lebensbereichernde Erziehung

Wenig bekannt ist, dass Rosenberg auch ein Schulkonzept entwarf, das Erziehung so verstand, das sie Leben bereichert (Rosenberg, Life enriching education). Dieser Ansatz, der an den Bedürfnissen von Schülern und Lehrern ansetzt, ist im Lichte reformpädagogischer, konstruktivistischer und systemischer Didaktikansätze äußert aktuell und kann den Schulalltag bis heute bereichern.

 

 

Plakatieren – Laternenumzug

21. September 2017, vorgetragen im Atlantik Hotel Baden Baden in der Lesearena des Verlegers Klöpfer

Wahlkampfnachwehen – Laternenumzug

Zu den wahren Sternstunden eines Kommunalpolitikers gehört das Plakatieren in Wahlkampfzeiten! Wirklich Sternstunde? Mögen Sie fragen. Übertreibt der jetzt nicht maßlos?

Zumindest können Sie durch das Plakatieren eine Region richtig bodenständig kennen – und schätzenlernen. Vor allem als Neuzugezogener. So wie ich! Ich erheischte mir den Überblick über die große Kreisstadt Achern durch Laternen! Ich kenne inzwischen fast jede. Da gibt es einige in der großen Kreisstadt Achern. Diese setzt sich – für Ortsunkundige – zusammen aus der eigentlichen Kernstadt sowie den ehemaligen Stadtteilen Fautenbach, Gamshurst, Großweier, Mösbach, Oberachern, Önsbach, Sasbachried und last not least Wagshurst. Dieses Konglomerat führt zu dem Konstrukt, das sich dann Große Kreisstadt nennt: mit circa 25.000 Einwohnern. Und die brauchen selbstverständlich beleuchtete Straßen! Und das führt zu einer wahren Masse von Laternen. Optimales Material zum Plazieren von Wahlplakaten!  Und die Heimat kennenlernen: wenn mir heute jemand Mösbach sagt, fallen mir zuerst die Laternen dort ein. auch bei Wags- und Gamshurst.

Sie lachen jetzt vielleicht. Aber mitten aus der Erfahrung heraus: Sicher wie das Amen in der Kirche: Kurz vor der Landtags- oder Bundestagswahl ruft dich die Parteizentrale zur Pflicht! Schon ewig nix mehr gehört. Aber das Telefon klingelt und der Anruf kommt: Plakate von den Kandidaten mit knappen Sprüchen müssen das Straßenbild in deiner Stadt, deinem Dorf, deiner Ortschaft zieren! Zur Verortung und Identitätsstiftung. Machen die Mitbewerber ja auch! Und los geht’s., Parteisoldat. Dein Lohn ist die Ehre! Um diesem Ruf gewissenhaft zu folgen, brauchen Sie folgendes: Eine Genehmigung vom städtischen Ordnungsamt, Logistik, Handwerk und vor allem einen Kombi – und dann nochmals Logistik, Logistik, Logistik. Sonst geht gar nix! Sie fahren nur im Kreis! Die wichtigsten Utensilien sind, neben dem eigentlichen Plakat natürlich, die passenden Kabelbinder, eine große Leiter… und den richtigen Blick!

Denn Plakate dürfen nicht zu hoch hängen, sonst sieht man sie nicht, sie dürfen aber auch nicht zu tief hängen, sonst entfernt sie ein Konkurrent – und sie dürfen z.B. nicht in Kreisverkehren aufgehängt werden. Das könnte ablenken. Ganz wichtig: Schriften auf den Plakaten werden natürlich im fließenden Verkehr kaum gelesen. Das ist wohl eher an Ampeln, die ja den Autofahrer zum Halten zwingen, anzunehmen. Da bleibt die Zeit zum Aufnehmen von gewichtigen Parteibotschaften: bewusst oder unbewusst. Diese Wahrnehmungschance gilt es gekonnt zu nutzen. Passende Laternen zu geschickt auszuspähen im Verkehrsuniversum! Auf den Straßen mit fließendem Verkehr hingegen eignen sich besser die Plakate mit den Konterfeis der Kandidaten: majestätisch und lächelnd!

Mein Freund, der Arnold, ist ein begnadeter Handwerker. Mit dem mache ich die Tour. Wir sind nicht nur Freunde, sondern vor allem ein eingespieltes Team. In seiner Garage hat er schon alles hergerichtet: die Plakate vorgebohrt, jeweils schon zwei Plakate zusammengeschnürt – also rechts schon geschlossen und links noch offen: damit sie einfach um die Laterne geschoben werden können –  natürlich eine Leiter und 2 Eimer: einen für die ungebrauchten Kabelbinder sowie einen für die abgezwickten Kabelbinderstücke. Auch die Zange fehlt nicht. Wir fahren los. Unendliche Weiten, der Weltraum – und viele Laternen vor uns. Das Raumschiff Enterprise-Feeling on Bord; immer beambereit. Wir orten noch freie Laternen im Wirrwarr der schon hängender Parteienplakate. Erst in der Kernstadt, dann in Önsbach. Von dort aus geht’s nach Wagshurst. Mist: Fautenbach haben wir vergessen. Jetzt Gamshurst. Natürlich wird zu guterletzt noch frech ein Plakat dick und fett auf die Laterne vor dem Wohnhaus eines bekannten Abgeordneten der mitbewerbenden Partei mit viel Schmackes zielgenau plaziert! Das geschah in Achern Mitte. Auch hier wieder das gleiche Procedere: Mit geübtem Blick eine Laterne ausgucken, dann Parkplatz suchen, Kofferraum auf, Leiter, Plakat und Eimer raus… und dann schnell die Laterne hochgeturnt : Die beiden Plakate mit Kabelbinder fest zusammengeschnürt, die überhängenden Kabelbinder gestutzt… und dann mit Schwung das Ganze nach oben gedrückt. Vorbeifahrende schauen einem an wie das 7. Weltwunder. Was machen die denn da? Na plakatieren! Farbe bekennen! Zufallsblicke: anerkennend, belustigt, ablehnend.

Das machen Sie mal an den Laternen in Ihrer Kreisstadt – so wie ich in der Kernstadt Achern, Fautenbach, Gamshurst, Großweier, Mösbach, Oberachern, Önsbach, Sasbachried und Wagshurst. Ich sage Ihnen, danach haben Sie den Überblick. Nach 3 halben Werktagen pro Saison ist das Werk vollbracht. Circa 150 Plakate an etwa 75 Laternen! Danach fahren wir mit stolz geschwelgter Brust die Route nochmals ab! Es ist ein wahres Glücksgefühl, seine Plakate von weitem schon auf den Laternen zu erspähen. Ja, es passt haargenau an dieser Stelle. Toll! Sternstunde von Parteisoldaten! HA!

Blöd ist dann nur, wenn ein kurzes Tief – am besten noch mit kräftigem Windböen und harmlosen Namen – Ihr Werk in den kommenden Tagen wieder zunichte zu machen droht. Da hängen die Kandidaten schief, kreuz und quer oder eingedrückt – Schande! Vom Winde verweht. Das heißt dann: wieder losfahren; diesmal mit einem großen Stecken im Kofferraum! Hoffentlich klappt das nachzujustieren an der Laterne: in der Kernstadt Achern, Fautenbach, Gamshurst, Großweier, Mösbach, Oberachern, Önsbach, Sasbachried und Wagshurst. Hoffentlich!

Mit Fug und recht können wir unter einem ganz besonderen Aspekt in diesem Wahlkampf behaupten, diesmal eine Sternstunde erlebt zu haben. Das Plakatieren für die Partei war in doppeltem Sinne ein Laternenumzug. Den Martin hängten wir nämlich auf! St. Martin, St. Martin! Passt doch. Oder?

Und vielleicht hören Sie uns am Sonntag dann laut singen: Laterne Laterne, Sonne Mond und Sterne: Denn am Wahlabend sehen Sie Arnold und mich in dunkler Nacht ein letztesmal um und zu unseren Laternen fahren! Wir hängen nämlich dann die Plakate ab! Und stolz dürfen wir sagen: Wir haben noch nie ein Plakat vergessen. Wir kennen unsre Laternen. Es blieb keine rot! Ehrenwort! Obs was gebracht hat… ob das Ergebnis eine Sternstunde wird. Das steht in den Sternen. Heut abend wäre eine Prognose bloße Kaffeesatzleserei. Ich schweige dazu wie ein Grab.

Und die Moral von der Geschicht? Bringt das alles was? Parteisoldat? Dein Lohn ist die Ehre! Hhhmmmm. Aber immerhin: Wir tun was! Öffentlich! Wir zeigen Farbe! Zu den klassischen Wahlveranstaltungen kommt eh kaum einer. Meist genügt das mediale Duell oder der Wahlomat am heimischen PC. Für die Plakate bedanken sich manchmal zumindest Parteinahe – öffentlich. Und es gibt hin und wieder Gespräche unter den Laternen, am Rande des Plakatierens, die manchen dann doch nachdenklich stimmt. Und die gehen dann vielleicht doch wählen in der Kernstadt Achern, Fautenbach, Gamshurst, Großweier, Mösbach, Oberachern, Önsbach, Sasbachried und Wagshurst.

Laterne Laterne, Sonne Mond und Sterne. Wache auf mein Licht, wache auf mein Licht

Achern 2017  by Patrik Schneider. Alle Rechte beim Autor

 

Lebensbereichernde Erziehung

Marshall B. Rosenberg, Erziehung, die das Leben bereichert, Gewaltfreie Kommunikation im Schulalltag, übersetzt von Theo Kierdorf, Junfermann Verlag 2004

Lesetipp… im amerikanischen Original ist es noch viel besser… In der Schrift von Marshall Rosenberg wird schnell klar, warum Schüler oft so desinteressiert sind. Sie haben in der Schule keinen Kontakt mehr zu ihren Bedürfnissen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Schulen als Lernorte der Demokratie nach dem
Schulgesetz Paragraph 1

Schulen haben in Deutschland den klaren Auftrag zur politischen und gesellschaftlichen Bildung. Sie
sind staatlich eingerichtete Orte, an denen junge Menschen Demokratiemündigkeit und Grundwerte
lernen sollen. Angesichts der multikulturellen Vielfalt und der gesamtpolitischen Weltlage gewinnen
solche gesellschaftspolitischen Lernfelder eine ganz neue Bedeutung.

Angesichts des gegenwärtigen Szenarios an postfaktischen Verwässerungen und des erkennbar
nationalistisch geprägten Wandels in den asiatischen, amerikanischen und europäischen Kulturen
lohnt sich ein Blick in das Schulgesetzt Baden-Württembergs (Stand 26.2.2016). Dort steht in
Paragraph 1 geschrieben, dass sich der „Erziehungs- und Bildungsauftrag“ über die „Vermittlung von
Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten“ der Schule weit hinausgeht. Im zweiten Spiegelabsatz wird die
die „Erziehung“ zur „Anerkennung der Wert- und Ordnungsvorstellungen der freiheitlichdemokratischen
Grundordnung“ genannt. Sie ist das Grundfundament der Schule. Im dritten wird
Erziehung als „Vorbereitung zur „Wahrnehmung „der „verfassungsmäßigen staatsbürgerlichen rechte
und Pflichten“ festgeschrieben. Im ersten Spiegelstrich wird das sogar mit der personalen
Entwicklung in Bezug zur christlichen Gottesvorstellung und zum Geiste der christlichen
Nächstenliebe in Bezug gesetzt.

Damit sind Schulen eben nicht nur zu Häusern des Wissens, sondern vor allem auch Häuser der
Demokratie. Hier an diesen Orten der Gesellschaft können und sollen junge Menschen die
Grundwerteordnung unserer Gesellschaft lernen. Die Demokratiefähigkeit steht am Ende der
Schulpflicht. Es geht nach dem Paragraph 1 insbesondere darum, „die dazu notwendige Urteilensund
Entscheidungsfähigkeit“ zu vermitteln. Damit ist sicher mehr gemeint als alle vier oder 5 Jahre
den ungeliebten Gang zur Wahlurne anzutreten. Es geht im Wesen insbesondere darum, auch ein
Urteil für die Wahloptionen reflexiv und kognitiv zu treffen.

Gerade in Zeiten des politischen Paradigmenwandels und der Infragestellung sowie der erkennbaren
Destabilisierung der bewährten freiheitlich-demokratischen Grundordnung solche Zeichen der
Erfüllung des Politischen Erziehungsauftrages notwendig. Das geplante Projekt will hier ein deutlich
erkennbares Zeichen setzen: eben dass Schulen, auch eine kaufmännische über den ökonomischen
Bildungsauftrag auch den politischen Erziehungsbeitrag erfüllt und obendrein damit das Engagement
der Schüler entsprechend würdigt und wertschätzt.

Patrik Schneider, Achern, 8. März 2017