Archiv der Kategorie: Digitalisierung

Presseberichte zum Essay

Interview: „Technik ohne Rahmenbedingungen führt ins Chaos“- Patrik Schneider veröffentlicht Essay., Quelle: Mittelbadische Presse, baden online vom 2. April 2019
Autor:
Matthias Heidinger, Achern

Printversion veröffentlicht in:
* Acher-Renchen-Zeitung vom 02. April 2019: „Mensch und Maschine werden Partner“
* Badisches Tagblatt vom 04. April 2019: „Wir sind schon mittendrin in der Orwell Welt“

Badisches Tagblatt, 4. April 2019

Acher Bühler Bote: Über die Buchpräsentation

ABB vom 6. April 2019

Essay: „Wie umgarne ich meinen Digitalen Zwilling?“ Vom Umgang mit einem Hirngespinst. Ein Essay

erhältlich als BoD-Ebook (5,99 Euro) oder als gebundene Druckbroschüre (13,90 Euro)

https://www.bod.de/buchshop/wie-umgarne-ich-meinen-digitalen-zwilling-dr-patrik-schneider-9783749436637

Verfasser

Der Verfasser, Dr. Patrik Schneider, ist 1960 in Karlsruhe geboren. Als Theologe und Pastoralreferent arbeitete er lange Jahre praktisch als Betriebsseelsorger in Böblingen und danach als Berufsschullehrer im Badischen. 4 Jahre war er Geistlicher Leiter der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB) der Erzdiözese Freiburg. In diesen Jahren beriet er u.a. Betriebe bei der Abfassung von Betriebsvereinbarungen zum fairen Umgang am Arbeitsplatz – z.B. die DaimlerAG. 2012 reflektierte er die lange Praxis in seiner religionspädagogischen Promotion über neue didaktische Wege sozialethischer Bildung. 2016 vertiefte er seinen methodischen Werkzeugkoffer durch eine Ausbildung zum Konfliktcoach und Wirtschaftsmediator.

März 2019

Gesprächsabende
  • Kath. Bildungswerk Gaggenau, 20. März 2019, 19.30 Uhr: Wie umarme ich meinen digitalen Zwilling – Vom Umgang mit einem Hirngespinst siehe: https://www.kath-gaggenau.de/html/veranst/detail.html?&m=143378&vt=2&tid=2140101
  • Kolpingsfamilie Lautenbach, 21. Februar 2019, 19.00 Uhr: Gewaltfreie Kommunikation.Wenn die Giraffe mit dem Wolfe tanzt oder: Du sollst deinen Nächsten lieben – wie dich selbst

Erfahrungen im Bereich Digitalisierung

Mit und von mir geplante und durchgeführte Veranstaltungen zur Digitalisierung u.a.

Seit 2016: Mitglied im Ausschuss ´ Politik und Gesellschaft` des Diözesanrates der Katholiken in der Erzdiözese Freiburg mit Schwerpunkt Digitalisierung.

11/ 2017: Referent beim Dies des Dekanats Baden-Baden, Arbeit 4.0, Sinzheim

05/ 2018: Zukunft der Arbeit, Digitalisierung, mit dem Gewerkschaftssekretär der Bezirksleitung der IG Metall BW, Kai Burmeister, Achern Gaststätte zur Hoffnung

07/ 2018: Politisches Feierabendgespräch, Autonomes Fahren mit Prof. Dr. Rupert Felder, Heidelberger Druck, Carl-Benz-Schule, Gaggenau

06/ 2018: Fachtagung der Fachberater für Katholische Religion an Berufsschulen, Carl-Benz-Schule, Gaggenau

11/ 2018: Politisches Feierabendgespräch, Wertebildung mit Prof. Dr. Hans Mendl, Religionspädagoge, Carl-Benz-Schule, Gaggenau (vgl. den Link zum Artikel auf der Homepage der Carl Benz Schule Gaggenau)

2019: Einladungen als Referent zu Fach- und Tagesveranstaltungen

  • 20. März 2019: Wie umarme ich meinen digitalen Zwilling, Bildungswerk Gaggenau, St. Marien Gemeindehaus, 19.00 Uhr
  • 18 u. 21. März 2019: Referent bei den Fachschaftstagen für Religionslehrer an beruflichen Schulen in Bad Säckingen / Kippenheim
  • 22. März 2019: Referent beim Diözesanrat der Katholiken in der Erzdiözese Freiburg (Ausschuss Politik und Gesellschaft)
  • 4. April 2019, Präsentation des Essays in der Reisebörse Achern, 19.00 Uhr

Bildungswerk Gaggenau, 20. März 2019, 19.30, St. Marien

Wie umarme ich meinen digitalen Zwilling? Ein Beitrag zur Enttarnung eines Hirngespinsts

Häufig ist heute von Digitalen Zwillingen die Rede. Klingt niedlich, familiär und vertraut. Der digitale Zwilling soll, so die Erwartung, z.B. virtuell industrielle Produktionsprozesse und -verfahren abbilden und die analoge Arbeit entlasten. Aber nicht nur in der Industrie werden wir mit diesem Geschwisterchenbild konfrontiert. Evidenzbasierte Datenerhebungen bestimmen den Arbeitsalltag in Pflegeeinrichtungen, kirchlichen Verwaltungen und sozialen Einrichtungen.

Wie begegnen wir diesem digitalen-Ich? Welche Beziehung haben wir zu ihm? Er zu uns? Ist er uns ebenbürdig? Darüber soll an dem Abend nachgedacht werden. Nach der Einführung in diese Fragestellung soll die Reduktion des Menschseins hinter dem Sprachbild kritisch beleuchtet werden. Die Vorstellung eines Selbsts ist an die Selbstbestimmung geknüpft. Z.B. an das Vorhandensein einer praktischen, z.B. religiösen und moralischen Vernunft. Die jüdisch-christliche Tradition versteht den Menschen als eine aus Gott verdankte Existenz. In der Industrie hingegen herrscht ein reduziertes Bild vom Menschen, das besagt, dass das Individuum lediglich seinem Eigenvorteil folgt.

Diese beiden Menschenbilder prallen im Hintergrund des gesellschaftlichen Diskurses um die digitale Zukunft derzeit aufeinander. Vermischen sich unrefektiert. An dem Abend sollen die versteckten Menschenbilder im Hintergrund der gegenwärtigen Debatte um die Industrie 4.0 analysiert und die praktischen Folgen dieser Reduktion ausgeführt werden.

Dr. Patrik Schneider

Digitale Welten

„Ohne Selbst keine Selbstbestimmung“
(Joachim Bauer)

Digitale Vernetzungen und Strukturen verändern unseren Alltag. Der digitale Zwilling ein Sprachbild aus der Industrie 4.0[i] – begleitet uns auf Schritt und Tritt. Schon am Bankomaten, beim Ausfüllen der Steuererklärung oder in den social media Plattformen: die erstellten Profile werden zum Abbild unserer Individualität, auch in der Arbeitswelt: die Produktionsprozesse werden gläsern. Und sogar in der Schule wird er zum digitalen Kollegen: Elektronische Klassenbücher, digitale Notenerfassungen: Der Zwilling bildet uns ab als sein Ebenbild – so fabuliert und phantasiert von einem Theologen.

Der Prozess der Digitalisierung schreitet unaufhaltsam voran. Auch im staatlichen Bildungssystem. So beschloss das baden-württembergische Wirtschaftsministerium am 1. Juni 2018 nach einer erfolgreichen Pilotphase die flächendeckende Einführung von Lernfabriken 4.0 an allen Gewerbeschulen. [ii] An kaufmännischen Berufsschulen können etwa 5.000 Berufsschüler an einem groß angelegten Versuch mit Tablets teilnehmen, die im Unterricht eingesetzt werden. Zum Schuljahr 2018/ 19 wurde Informatik als Pflichtfach an weiterführenden Schulen eingeführt. Das sei nach dem Wirtschaftsministerium eine Investition in die Bildung der Zukunft und damit in den Standort Baden-Württemberg.

Aber in welche Zukunft? Dieser Aufsatz ist ein Versuch, einen Überblick über die enge Verzahnung von Industrie, Digitalisierung und Bildung zu geben und gleichzeitig sich daraus sich ergebenden Fragen an den staatlichen Bildungssektor von Morgen zu skizzieren. Festgezurrt am Sprachbild vom digitalen Zwilling.

Was hat es mit dem Sprachbild auf sich? Zwillinge sind ja nahe Verwandte. Enger geht es nicht. Geschwisterliebe. Lebenslange Verbindung. Wird uns dazu die virtuelle Welt? Werden wir da neu geschaffen? Idealtypisch? Oder standardisiert? Ein alter ego? Der Artikel will nicht verschwörungstheoretisch schwarzmalen, sondern zur Differenzierung einladen. Erkenntnisbereichernd könnte eine Rückbesinnung auf den ursprünglichen Gehalt des Subjetbegriffs sein. Diese erhellt die Vorstellung vom modernen Menschenverständnis. Tatsächlich kannte die Aufklärung verschiedene Auslegungen und Nuancen. Seit dieser Zeit schwirren verschiedene, teils diffuse Deutungen, über die Autonomie und das Subjekt durch die Epochen. Und ist bis heute ist das ein Zankapfel zwischen Ökonomen und Demokraten. Ungeklärt. So bleibt Kant bis heute aktuell. Durch eine entsprechende Analyse mit Hilfe der Philosophie können die teils unklaren Subjektvorstellungen der Gegenwart aufgedeckt und damit auch beitragen, den diffusen Graben zwischen der ökonomischen und humanistischen Bildungsintention aufzudecken. Aber genau das Erkennen dieser Differenz, das Vermessen des Grabens bringt Licht für die Gestaltung einer irgendwie gearteten Bildung 4.0.

Ein Versuch, der lohnenswert scheint. Denn es steht viel auf dem Spiel: Das Selbstverständnis vom Menschen und damit gekoppelt die Vorstellung von seiner Autonomie. Diese droht, so die Grundthese des Artikels, dort zu zerbröseln, wo die Maschine zum Zwilling und Partner des Menschen erhoben wird. Mit dem Freiburger Neurologen Joachim Bauer lässt sich dem schlicht entgegen halten: „Ohne Selbst keine Selbstbestimmung“[iii]. Dieser Satz könnte – wie einst im Orakel von Delphi – als Erinnerung und Mahnung über das neu anbrechende Zeitalter Digitalisierung geschrieben werden. Um das geht es! Um ein Erinnern an das Selbst, den autos, wie die Griechen sagten! Verbunden mit einem Mahnen, den Menschen nicht selbst nur als Algorithmus zu begreifen, und damit das Licht vom Selbst zu reduzieren. Dazu will dieses Essay einen Beitrag leisten. Und das geht methodisch, wenn wir den Ur-Zank zwischen Kant und den englischen Empiristen uns vergegenwärtigen und seinen Nachhall für das Heute hörbar machen.


ANMERKUNGEN

[i] Vgl. zum Begriff bspw.: Brösser, Stefan, Artikel: Digitaler Zwilling, Gablers Wirtschaftslexikon, in: https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/digitaler-zwilling-54371/version-277410, überabeitet am 19.02.2018: „Ein digitaler Zwilling ist ein virtuelles Modell…,welches die reale und virtuelle Welt verbindet… Diese Kopplung der virtuellen und realen Welten ermöglicht die Analyse von Daten und die Überwachung von Systemen, z.B. Probleme verstehen und bearbeiten, bevor sie überhaupt auftreten, Ausfallzeiten vermeiden, neue Chancen entwickeln und mithilfe von Computersimulationen die Zukunft zu planen.“

[ii] Presserklärung des Staatsministeriums Baden-Württemberg vom 1.6.2018, in: https://www.baden-wuerttemberg.de/de/service/presse/pressemitteilung/pid/neue-foerderrunde-fuer-lernfabriken-40/

[iii] Bauer, Joachim, Selbststeuerung. Die Wiederentdeckung des freien Willens, München 2015, S.9.

Veranstaltungstipp für eine Bildungsveranstaltung

Kontakt: 0171 3861621

Wie umarme ich meinen digitalen Zwilling? Ein Beitrag zur Enttarnung eines Hirngespinsts

Häufig ist heute von Digitalen Zwillingen die Rede. Klingt komisch, ist aber so. Niedlich und vertraut. Wer mag diese familiäre Atmosphäre denn nicht. Der digitale Zwilling soll, so die Erwartung, z.B. virtuell industrielle Produktionsprozesse und -verfahren abbilden und die analoge Arbeit entlasten. Aber nicht nur in der Industrie werden wir mit diesem Geschwisterchenbild konfrontiert. Evidenzbasierte Datenerhebungen bestimmen den Arbeitsalltag in Pflegeeinrichtungen, kirchlichen Verwaltungen und sozialen Einrichtungen. Fast scheint es so, als gäbe es ein geschwisterliches und familiär-vertrautes Verhältnis zum virtuellen Partner.

Und tatsächlich: Jeder und jede von uns hat ihn und sie tatsächlich schon: ein digitales Ich – registriert mit Nummern bei Ämtern, Personalabteilungen und Behörden, in social medias oder einfach per Videoaufnahme beim Bankomaten. Es gibt einen digitalen Zwilling von uns, der uns dann beim Surfen z.B. Werbung passgenau zusenden kann, unsere Finanzen abgleicht oder unsere Leistungen mit Schulnoten exakt erfasst. 

Wie begegnen wir diesem digitalen-Ich? Welche Beziehung haben wir zu ihm? Darüber soll an dem Abend nachgedacht werden. Wie Umgarnen und pflegen wir ihn? Welches Profil ist wünschenswert? Oder andersherum – vielleicht noch entscheidender? Wie umgarnt er uns? Wie wirkt das digitale Ich im Alltag? Gehen wir darin auf? Oder sind wir mehr? Können wir uns überhaupt noch vor ihm schützen, wenn durch ihn mit unsichtbarer Hand gelockt wird? Z.B. mit Werbung, die durch sein Profil auf uns genau zugeschnitten wird?

Was hat es damit auf sich? Zwillingsbeziehungen sind hochsensibel und intim. Es setzt Augenhöhe voraus. Das Sprachbild Digitaler Zwilling stammt aus der Unternehmens- und Industriewelt. Die Digitalisierung verspricht eine neue Phase der Industrialisierung, die mit dem Schlagwort Industrie 4.0 auf sich aufmerksam macht. Der Roboter wird in dieser Erwartung tatsächlich zum Partner des Menschen. Zum vertrauten Geschwister. Entwickeln Menschen tatsächlich ein familiäres Verhältnis zu den virtuellen Welten? Ist das die Hoffnung? Ist der Digitale Zwilling der neue, zukünftige Partner der Menschheit? Das ist zumindest in den plakativen Sprachbildern heute schon herauszuhören.

Nach der Einführung in diese Fragestellung soll die Reduktion der vertrauten und familiären Beziehung zu den virtuellen Welten kritisch beleuchtet werden. Ist der digitale Partner tatsächlich dem Menschen ebenbürdig? Das erfordert ein Innehalten und Nachdenken. Nach Immanuel Kant ist die autonome Subjektvorstellung der Moderne geknüpft an das Vorhandensein einer praktischen, z.B. religiösen und moralischen Vernunft. Das erzeugt den Rahmen für freie Entscheidungen. Die jüdisch-christliche Tradition versteht den Menschen als eine aus Gott verdankte Existenz. Diese begründet seine Würde und macht ihn unantastbar. In der Industrie hingegen herrscht vorwiegend das reduzierte Bild vom Menschen, das besagt, dass das Individuum lediglich im Handeln nach dem zu erwartenden Nutzen und seinem Eigenvorteil folgt. Wenn Maschinen auch den Nutzen mehren, dann werden sie zum Partner. Aber werden da nicht personale Tiefenschichten des Menschseins völlig ausgeklammert? Trauer, Leiden, Glück oder Liebe lassen sich nicht algorithmisch abzählen. Verzweilfung und Scheitern lassen sich nicht mit Statistiken und evidenzbasierten Erhebungen lösen.

Diese beiden Menschenbilder, so die zu diskutierende These, prallen im Hintergrund des gesellschaftlichen Diskurses um die digitale Zukunft derzeit aufeinander. Vermischen sich. An dem Abend sollen die versteckten Menschenbilder im Hintergrund der gegenwärtigen Debatte um die Industrie 4.0 analysiert und praktische Auswirkungen der Reduktion ausgeführt werden. Zum Beispiel ist die vielerorts zu hörende Begrifflichkeit „Autonomes Fahren“ von diesem Hintergrund fraglich. Denn sie suggeriert, dass Autos autonom sind. Es gibt aber kein autonomes Fahrzeug. Autos sind gesteuert. Sie arbeiten lediglich von Menschenhand programmierte Algorithmen ab. „Auto-nomos“ ist hingegen eine Ehrenbezeichnung des Menschen. Es bezeichnet die Fähigkeit des Menschen, sich mit seiner Vernunft selbst Gesetze geben zu können. Dazu gehören soziale und emotionale Fähigkeiten. Das alles kann ein Auto nicht. Ein fundamentaler Unterschied!

Dr. Patrik Schneider

Think tank – Professor Hans Mendl als Gastreferent in Gaggenau

Think Tank: Neue Ansätze beim Lernen – Wie umgehen mit „Moral Machines?“

Denkfabrik steht in großen Lettern neben dem Schild: Lernfabrik 4.0 im Glashaus der Carl-Benz Schule in Gaggenau. Denn die Digitalisierung, speziell die Utopie einer Industrie 4.0, betrifft nicht nur die Technik, sondern alle Schichten des Menschseins und wirft ganz neue Fragen auf. Prominentes Beispiel ist derzeit das Dilemma der ethischen Programmierung von autonomen Fahrzeugen. Wie soll und kann, so die Frage, die Reaktion eines Autos verlaufen, wenn ein Kind plötzlich über die Straße läuft? Autos werden dann zu „Moral Machines“. Darüber wird weltweit nachgedacht: Z.B. an der renommierten Universität Massachusetts Institute of Technologys (MIT) oder im Deutsche Ethikrat.

Welchen Beitrag kann die Bildung der Berufsschulen dazu leisten? Die Programmierer von morgen brauchen offenbar ethische Grundkenntnisse. Wenn der Mensch zum Entscheider und Unterbrecher von algorithmischen Regeln wird, wenn der Mensch sogar zum Programmierer von Todesalgorithmen wird, dann braucht es eine demokratische Ethik, die verallgemeinerbar nachvollziehbar ist. Sonderethiken, sei es religiöser Fundamentalismus oder reine Nutzenethik reichen dazu nicht. Wie mit solchen Dilemmata umgehen? – das war Gegenstand des Politischen Feierabendgesprächs am 7. November. Mit dem Gast, Professor Hans Mendl, Lehrstuhlinhaber für Religionspädagoge an der Universität Passau, konnte ein Spezialist für den Grenzbereich Ethik, Religion und Gesellschaft für die Gaggenauer Denkfabrik gewonnen werden. Einer seiner Forschungsschwerpunkte sind Konstruktivismus-Theorien.

Ethische oder religiös orientierte Bildung gehen, so die These von Mendl, lerntheoretisch nur über die Aneignung im Lerner. Ethik ist nicht aufzwingbar. Schon gar nicht fördere die Behauptung einer Wahrheit – auch nicht einer religiösen –eine ethische Haltung. Der Lerner muss sie individuell ausbilden und entwickeln. Dabei räumte Mendl erstmal mit dem weitverbreiteten Missverständnis auf, dass religiöse Bildung in der Schule Weisungen von oben nach unten verordnet. Vielmehr stehen das Subjekt und seine Aneignungsfähigkeit im Mittelpunkt der gängigen ethischen und religiösen Lerntheorien. Sie sind eingebettet in den konstruktivistischen Bezugsrahmen. Dieses Fremdwort erklärt er wie folgt: Der „Konstruktivismus stellt ein Modell dar, um zu erklären, wie Wirklichkeit entsteht. Die Vorstellung einer „objektiven“ Wirklichkeit bzw. der objektiven Erkennbarkeit von Wirklichkeit wird in den verschiedenen konstruktivistischen Theorien in verschiedener Weise infragegestellt. Die Welt entsteht im Subjekt“. Für das Lernen heißt das. Das lernende Subjekt wird als Ausgangs- und Zielpunkt jeglichen Lernprozesses betrachtet. Religion wird in der staatlichen Bildung nicht verordnet, sondern erschließen sich als Orientierung, als Rahmen zur Entwicklung einer ethischen Haltung. Sie dient der Demokratiefähigkeit.

Das ist nicht nur ein Tribut an die moderne Erkenntnistheorie. Dass Ethik und Religion nicht linear von oben verordnet sind, zeige schon der Aufbau der Bibel, der Offenbarungsurkunde. Dort gibt es in den Evangelien vier Konstrukte, nämlich vier verschiedene Erzählungen über das Leben Jesus aus unterschiedlichen Blickwinkeln der Verfasser dokumentiert und interpretiert. Auch die Moral- und Dogmengeschichte seien Zeugnis von Konstrukten, die im Kontext ihrer Zeit einer ständigen Veränderung unterlagen.

Es gibt zum anderen aber nach Mendl auch nicht das angenommene idealtypische Einheitssubjekt. Religiöse und ethische Lerntheorien greifen deshalb die Vielfalt von Meinungen der Menschen von heute bewusst auf und fördern die Fähigkeit zur Orientierung. Diese entsteht nachhaltig und lebensbereichernd nicht durch theoretische Gespräche im Unterricht, sondern nur durch das Erreichen einer emotionalen und existenziellen Tiefendimension. So ist es ein Unterschied, ob Schüler und Lehrer im Klassenzimmer über ein Weiterleben nach dem Tode „verhandeln“, oder ob sie sich nach einer Trauerfeier darüber austauschen. Nachhaltiges Lernen in diesem Sinne schließt an Emotionen und Vorerfahrungen an und vertieft diese durch die anschließende Reflexion und Kognition. Subjektiv ethische Grundhaltung Haltung entstehe durch die Reflexion gelebter Handlung und Praxis.

Damit werde die Grundlage für eine Verantwortung gelegt, die auch in die anstehenden Berufsanforderungen hineinreiche und die Brücke zwischen Ethik und Technik bildet. Denn so Mendl: „Algorithmen entstehen nicht wertfrei, sie gründen auf prinzipiellen ethischen Entscheidungen. Diese können letztlich nur Menschen treffen. Die Bewusstseinsbildung und Qualifikation für die bedeutende Verantwortung des Menschen an der Schnittstelle zwischen Menschen und Maschine ist deshalb eine grundlegende Bildungsaufgabe.“ Dazu braucht es „hochgradig selbstreflexive Subjekte, die sich der Verantwortlichkeit ihres Handelns bewusst sind“ und den demokratischen Grundkonsens kennen.

Mendl ermutigte abschließend, solche Lernfabriken wie die in der Carl-Benz Schule als Lernlandschaften zu begreifen. Diese sind Ausschnitte aus der Realität und eröffnen diverse Zugänge zu einem komplexen Lernen. An solchen Landschaften können z.B. entdeckendes Lernen, die Individualisierung ermöglichendes Lernen (z.B. Freiarbeit, Lernzirkel), aktivierendes und produzierendes Lernen, biographischen Lernen und dialogisches und diskursethisches Lernen gefördert werden.

Ein Abend, der Lern- und Denkfabrik in Verbindung brachte! Moral Machines werden nicht nur die Berufsschule noch lange begleiten. Für interessierte Leser ist das von Professor Hans Mendl ausgeteilte Thesenpapier mit ausführlicher Literaturliste als PDF-Datei beigefügt.

Dr. Patrik Schneider, Achern (November 2018)