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Wie umarme ich meinen digitalen Zwilling? Ein Beitrag zur Enttarnung eines Hirngespinsts

Häufig ist heute von Digitalen Zwillingen die Rede. Klingt komisch, ist aber so. Niedlich und vertraut. Wer mag diese familiäre Atmosphäre denn nicht. Der digitale Zwilling soll, so die Erwartung, z.B. virtuell industrielle Produktionsprozesse und -verfahren abbilden und die analoge Arbeit entlasten. Aber nicht nur in der Industrie werden wir mit diesem Geschwisterchenbild konfrontiert. Evidenzbasierte Datenerhebungen bestimmen den Arbeitsalltag in Pflegeeinrichtungen, kirchlichen Verwaltungen und sozialen Einrichtungen. Fast scheint es so, als gäbe es ein geschwisterliches und familiär-vertrautes Verhältnis zum virtuellen Partner.

Und tatsächlich: Jeder und jede von uns hat ihn und sie tatsächlich schon: ein digitales Ich – registriert mit Nummern bei Ämtern, Personalabteilungen und Behörden, in social medias oder einfach per Videoaufnahme beim Bankomaten. Es gibt einen digitalen Zwilling von uns, der uns dann beim Surfen z.B. Werbung passgenau zusenden kann, unsere Finanzen abgleicht oder unsere Leistungen mit Schulnoten exakt erfasst. 

Wie begegnen wir diesem digitalen-Ich? Welche Beziehung haben wir zu ihm? Darüber soll an dem Abend nachgedacht werden. Wie Umgarnen und pflegen wir ihn? Welches Profil ist wünschenswert? Oder andersherum – vielleicht noch entscheidender? Wie umgarnt er uns? Wie wirkt das digitale Ich im Alltag? Gehen wir darin auf? Oder sind wir mehr? Können wir uns überhaupt noch vor ihm schützen, wenn durch ihn mit unsichtbarer Hand gelockt wird? Z.B. mit Werbung, die durch sein Profil auf uns genau zugeschnitten wird?

Was hat es damit auf sich? Zwillingsbeziehungen sind hochsensibel und intim. Es setzt Augenhöhe voraus. Das Sprachbild Digitaler Zwilling stammt aus der Unternehmens- und Industriewelt. Die Digitalisierung verspricht eine neue Phase der Industrialisierung, die mit dem Schlagwort Industrie 4.0 auf sich aufmerksam macht. Der Roboter wird in dieser Erwartung tatsächlich zum Partner des Menschen. Zum vertrauten Geschwister. Entwickeln Menschen tatsächlich ein familiäres Verhältnis zu den virtuellen Welten? Ist das die Hoffnung? Ist der Digitale Zwilling der neue, zukünftige Partner der Menschheit? Das ist zumindest in den plakativen Sprachbildern heute schon herauszuhören.

Nach der Einführung in diese Fragestellung soll die Reduktion der vertrauten und familiären Beziehung zu den virtuellen Welten kritisch beleuchtet werden. Ist der digitale Partner tatsächlich dem Menschen ebenbürdig? Das erfordert ein Innehalten und Nachdenken. Nach Immanuel Kant ist die autonome Subjektvorstellung der Moderne geknüpft an das Vorhandensein einer praktischen, z.B. religiösen und moralischen Vernunft. Das erzeugt den Rahmen für freie Entscheidungen. Die jüdisch-christliche Tradition versteht den Menschen als eine aus Gott verdankte Existenz. Diese begründet seine Würde und macht ihn unantastbar. In der Industrie hingegen herrscht vorwiegend das reduzierte Bild vom Menschen, das besagt, dass das Individuum lediglich im Handeln nach dem zu erwartenden Nutzen und seinem Eigenvorteil folgt. Wenn Maschinen auch den Nutzen mehren, dann werden sie zum Partner. Aber werden da nicht personale Tiefenschichten des Menschseins völlig ausgeklammert? Trauer, Leiden, Glück oder Liebe lassen sich nicht algorithmisch abzählen. Verzweilfung und Scheitern lassen sich nicht mit Statistiken und evidenzbasierten Erhebungen lösen.

Diese beiden Menschenbilder, so die zu diskutierende These, prallen im Hintergrund des gesellschaftlichen Diskurses um die digitale Zukunft derzeit aufeinander. Vermischen sich. An dem Abend sollen die versteckten Menschenbilder im Hintergrund der gegenwärtigen Debatte um die Industrie 4.0 analysiert und praktische Auswirkungen der Reduktion ausgeführt werden. Zum Beispiel ist die vielerorts zu hörende Begrifflichkeit „Autonomes Fahren“ von diesem Hintergrund fraglich. Denn sie suggeriert, dass Autos autonom sind. Es gibt aber kein autonomes Fahrzeug. Autos sind gesteuert. Sie arbeiten lediglich von Menschenhand programmierte Algorithmen ab. „Auto-nomos“ ist hingegen eine Ehrenbezeichnung des Menschen. Es bezeichnet die Fähigkeit des Menschen, sich mit seiner Vernunft selbst Gesetze geben zu können. Dazu gehören soziale und emotionale Fähigkeiten. Das alles kann ein Auto nicht. Ein fundamentaler Unterschied!

Dr. Patrik Schneider

Veröffentlichungen

Monografien

  • Der Alde Gottfried. wein.gespräche, Ottersweier: Klöpfer 2013, 62 Seiten.
  • Wirtschaftsethik als Zündstoff für den Religionsunterricht in der dualen beruflichen Erstausbildung Baden-Württembergs. Mit Geleitworten von Weihbischof em. Dr. Paul Wehrle, Freiburg u. Prof. Hans Mendl, Passau. (Reihe: Religionsdidaktik konkret, Bd. 5, hg. v. Mendl, Hans, Sajak, Clauß Peter) Münster: LIT 2012.
  • mit Wild, Albert, Reich mir doch mal den Himmel. Unterwegs zu einer Geh-hin Pastoral, Ostfildern: Schwabenverlag 2000.
  • mit Wild, Albert, Das Kreuz der Arbeitslosigkeit, Freiburg: Herder 1998. Mit einem Vorwort des Kurienkardinal Dr. Walter Kasper.

Artikel

  • Zum 50. Todestag von Kardinal Josef Cardijn, in: KAB IMPULS Baden Württemberg, Information der Diözesanverbände Rottenburg-Stuttgart und Freiburg, Dezember 2017, S. 1.
  • Zum 50. Todestag von Kardinal Josef Cardijnin, in: Konradsblatt- Wochenzeitung für das Erzbistum Freiburg 27/2017, S. 21.
  • Rezension zu Grümme, Bernhard, Öffentliche Religionspädagogik, Stuttgart 2015, in: Katechetische Blätter 141 (2/2016).
  • Zeitschrift für Religionsunterricht, Gemeindekatechese, Kirchliche Jugendarbeit, S. 154.
  • Von der Hinwendung zur Arbeiterfrage bis zur Sozialverkündigung im Dialog. 125 Jahre nach Rerum Novarum, in: Sozialinstitut für Kommende Dortmund, Amos international. Internationale Zeitschrift für Christliche Sozialethik 2/2016, S. 51-54.2015
  • Ein Jahr der Herausforderung in: KAB IMPULS Baden-Württemberg, Informationen der Diözesanverbände Rottenburg-Stuttgart und Freiburg, Dezember 2015, S 1-2
  • Das Menschenrecht auf Arbeit – eine theologische Betrachtung, in: KAB Erzdiözese Freibug, MMTC-WMCW-WBCA würdige Arbeit. Impulse zum Tag der menschenwürdigen Arbeit 7. Oktober 2015, Freiburg 2015, S. 5-10.
  • Zur Zukunft eines Sozialverbandes – Geleitwort des Diözesanvorstands der KAB Freiburg, in: KAB Mannheim Rhein Neckar, 125 Jahre Gründung des Arbeitervereins in Mannheim. Eine Aufsatzsammlung, Mannheim 2015, S. 90ff.
  • Mit dem Bügelführerschein nach Straßburg, in: EIBOR / KIBOR Tübingen, Wirtschaftsethik und Religion. Global Players, Handwerk und Berufsschule im Gespräch, Tübingen 2014 (Eberhard Karls Universität Tübingen), S. 21-31.
  • Wirtschaftsethik als Zündstoff für den Religionsunterricht an beruflichen Schulen, in: Büttner, Gerhard / Mendl Hans / Reis Oliver / Roose Hanna (Hrsg.), Religion lernen, Jahrbuch für konstruktivistische Religionsdidaktik, Band 4: Ethik, Siebert Verlag Hannover 2013, S. 171-185.
  • Impuls und Gedanken zum Schriftwort. Das Beispiel vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25-37), in: Sasbacher Koinonia, Effata. Christ im Alltag. Impuls zu lebensnaher Spiritualität, 04/2013, S. 119-123.
  • Jesus 2.0 – Jesus als Sicherheitsupdate“ in: RABS (Zeitschrift: Religionsunterricht an berufsbildenden Schulen), 2/ 2009, S. 5-8.
  • „Oh Gott – Soziallehre unterrichten…“, Sozialethik im Religionsunterricht, in: RABS (Zeitschrift: Religionsunterricht an berufsbildenden Schulen), 2/ 2007, S. 8-9.
  • Wirtschaftsethik – oder: Jeder junge Arbeiter ist mehr wert als alles Gold dieser Welt, in: Waldkirch, Wagner u.a., Wirtschaftsethik – das rechnet sich nicht, Stuttgart: Deutscher Sparkassenverlag 1999, S. 60 – 85. Gott in der Montagehalle, in: Impulse, Zeitschrift für die Seelsorge, Diözese Rottenburg – Stuttgart Nr. 31, Oktober 1999, S. 12-13.
  • Kirchliches Engagement für Arbeitslose, in: Lebendige Seelsorge, Würzburg, Heft 2/1999, S. 100-102.
  • Kreative Vernetzungspastoral als Chance in der Arbeitslosenpastoral, in: Renker, C (Hg.), Produktive Kreativität und Innovation, Stuttgart: Deutscher Sparkassenverlag 1998, S. 319-325.
  • Das Kreuz der Arbeitslosigkeit, in: Impulse, Zeitschrift für die Seelsorge, Diözese Rottenburg – Stuttgart, Nr. 27/ Juni 1998, S. 29-32.
  • Die ´Aktion Menschwerdung` – eine Form der ´Kreativen Vernetzungspastoral, in: Lebendige Seelsorge, Heft 6, Dezember 1997, S. 347-351.
  • Hoffnung teilen, in: Priesterrat und Diözesanrat Rottenburg – Stuttgart (Hrsg.), Informationen Nr.: 329, November/Dezember 1997, S. 7-8.
  • Singen und 100 Jahre Katholische Soziallehre in: Singener Jahrbuch 1991/92 (Hrsg.), Singen: Hohentwiel Verlag 1992, S. 47-49.

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