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Think tank – Professor Hans Mendl als Gastreferent in Gaggenau

Think Tank: Neue Ansätze beim Lernen – Wie umgehen mit „Moral Machines?“

Denkfabrik steht in großen Lettern neben dem Schild: Lernfabrik 4.0 im Glashaus der Carl-Benz Schule in Gaggenau. Denn die Digitalisierung, speziell die Utopie einer Industrie 4.0, betrifft nicht nur die Technik, sondern alle Schichten des Menschseins und wirft ganz neue Fragen auf. Prominentes Beispiel ist derzeit das Dilemma der ethischen Programmierung von autonomen Fahrzeugen. Wie soll und kann, so die Frage, die Reaktion eines Autos verlaufen, wenn ein Kind plötzlich über die Straße läuft? Autos werden dann zu „Moral Machines“. Darüber wird weltweit nachgedacht: Z.B. an der renommierten Universität Massachusetts Institute of Technologys (MIT) oder im Deutsche Ethikrat.

Welchen Beitrag kann die Bildung der Berufsschulen dazu leisten? Die Programmierer von morgen brauchen offenbar ethische Grundkenntnisse. Wenn der Mensch zum Entscheider und Unterbrecher von algorithmischen Regeln wird, wenn der Mensch sogar zum Programmierer von Todesalgorithmen wird, dann braucht es eine demokratische Ethik, die verallgemeinerbar nachvollziehbar ist. Sonderethiken, sei es religiöser Fundamentalismus oder reine Nutzenethik reichen dazu nicht. Wie mit solchen Dilemmata umgehen? – das war Gegenstand des Politischen Feierabendgesprächs am 7. November. Mit dem Gast, Professor Hans Mendl, Lehrstuhlinhaber für Religionspädagoge an der Universität Passau, konnte ein Spezialist für den Grenzbereich Ethik, Religion und Gesellschaft für die Gaggenauer Denkfabrik gewonnen werden. Einer seiner Forschungsschwerpunkte sind Konstruktivismus-Theorien.

Ethische oder religiös orientierte Bildung gehen, so die These von Mendl, lerntheoretisch nur über die Aneignung im Lerner. Ethik ist nicht aufzwingbar. Schon gar nicht fördere die Behauptung einer Wahrheit – auch nicht einer religiösen –eine ethische Haltung. Der Lerner muss sie individuell ausbilden und entwickeln. Dabei räumte Mendl erstmal mit dem weitverbreiteten Missverständnis auf, dass religiöse Bildung in der Schule Weisungen von oben nach unten verordnet. Vielmehr stehen das Subjekt und seine Aneignungsfähigkeit im Mittelpunkt der gängigen ethischen und religiösen Lerntheorien. Sie sind eingebettet in den konstruktivistischen Bezugsrahmen. Dieses Fremdwort erklärt er wie folgt: Der „Konstruktivismus stellt ein Modell dar, um zu erklären, wie Wirklichkeit entsteht. Die Vorstellung einer „objektiven“ Wirklichkeit bzw. der objektiven Erkennbarkeit von Wirklichkeit wird in den verschiedenen konstruktivistischen Theorien in verschiedener Weise infragegestellt. Die Welt entsteht im Subjekt“. Für das Lernen heißt das. Das lernende Subjekt wird als Ausgangs- und Zielpunkt jeglichen Lernprozesses betrachtet. Religion wird in der staatlichen Bildung nicht verordnet, sondern erschließen sich als Orientierung, als Rahmen zur Entwicklung einer ethischen Haltung. Sie dient der Demokratiefähigkeit.

Das ist nicht nur ein Tribut an die moderne Erkenntnistheorie. Dass Ethik und Religion nicht linear von oben verordnet sind, zeige schon der Aufbau der Bibel, der Offenbarungsurkunde. Dort gibt es in den Evangelien vier Konstrukte, nämlich vier verschiedene Erzählungen über das Leben Jesus aus unterschiedlichen Blickwinkeln der Verfasser dokumentiert und interpretiert. Auch die Moral- und Dogmengeschichte seien Zeugnis von Konstrukten, die im Kontext ihrer Zeit einer ständigen Veränderung unterlagen.

Es gibt zum anderen aber nach Mendl auch nicht das angenommene idealtypische Einheitssubjekt. Religiöse und ethische Lerntheorien greifen deshalb die Vielfalt von Meinungen der Menschen von heute bewusst auf und fördern die Fähigkeit zur Orientierung. Diese entsteht nachhaltig und lebensbereichernd nicht durch theoretische Gespräche im Unterricht, sondern nur durch das Erreichen einer emotionalen und existenziellen Tiefendimension. So ist es ein Unterschied, ob Schüler und Lehrer im Klassenzimmer über ein Weiterleben nach dem Tode „verhandeln“, oder ob sie sich nach einer Trauerfeier darüber austauschen. Nachhaltiges Lernen in diesem Sinne schließt an Emotionen und Vorerfahrungen an und vertieft diese durch die anschließende Reflexion und Kognition. Subjektiv ethische Grundhaltung Haltung entstehe durch die Reflexion gelebter Handlung und Praxis.

Damit werde die Grundlage für eine Verantwortung gelegt, die auch in die anstehenden Berufsanforderungen hineinreiche und die Brücke zwischen Ethik und Technik bildet. Denn so Mendl: „Algorithmen entstehen nicht wertfrei, sie gründen auf prinzipiellen ethischen Entscheidungen. Diese können letztlich nur Menschen treffen. Die Bewusstseinsbildung und Qualifikation für die bedeutende Verantwortung des Menschen an der Schnittstelle zwischen Menschen und Maschine ist deshalb eine grundlegende Bildungsaufgabe.“ Dazu braucht es „hochgradig selbstreflexive Subjekte, die sich der Verantwortlichkeit ihres Handelns bewusst sind“ und den demokratischen Grundkonsens kennen.

Mendl ermutigte abschließend, solche Lernfabriken wie die in der Carl-Benz Schule als Lernlandschaften zu begreifen. Diese sind Ausschnitte aus der Realität und eröffnen diverse Zugänge zu einem komplexen Lernen. An solchen Landschaften können z.B. entdeckendes Lernen, die Individualisierung ermöglichendes Lernen (z.B. Freiarbeit, Lernzirkel), aktivierendes und produzierendes Lernen, biographischen Lernen und dialogisches und diskursethisches Lernen gefördert werden.

Ein Abend, der Lern- und Denkfabrik in Verbindung brachte! Moral Machines werden nicht nur die Berufsschule noch lange begleiten. Für interessierte Leser ist das von Professor Hans Mendl ausgeteilte Thesenpapier mit ausführlicher Literaturliste als PDF-Datei beigefügt.

Dr. Patrik Schneider, Achern (November 2018)

Ganz VW wird Autonom

Achern, 5.2.2018
Leserbrief zu: „Ganz VW wird Autonom“ in AUTO-TEST, Axel-Springer Verlag, Nr. 2 / Februar 2018, S. 44

Gruseliger Gedanke, dass VWs autonom in Zukunft werden könnten. Klar: in dem Artikel wurde das inflationäre Schlagwort vom autonomen Fahren aufgegriffen und zugespitzt. Passiert ja gerade öfters im Mainstream. Überall wird von der Autonomie von Autos geträumt. Schaut man mal genauer hin, dann fällt an dieser Sprachmetapher jedoch folgendes auf. Autonomie, ein Wort aus dem Griechischen, bedeutet ursprünglich: „ein sich selbst gebendes Gesetz“. Mit diesem Begriff und seiner Interpretation wurde seit der europäischen Aufklärung die menschliche Würde und die Achtung vor dem Leben begründet. Ablesbar zum Beispiel in den Freiheitsrechten unsres Grundgesetz. Der Kern in einer knappen Formel: Menschen haben Freiheit und deshalb eine unantastbare Würde. Sie können sich mit dem Licht ihrer Vernunft selbstbestimmen – soweit der Geist der Moderne, mit dem wir bislang gut gefahren sind. Das macht den Menschen aus.

Maschinelle und virtuelle Systeme hingegen reagieren hoffentlich lediglich nur nach streng deterministischen Algorithmen, die von autonom denkenden Menschen nach Vorgaben von Recht und Grundordnung eingegeben wurden – und arbeiten diese ab. Der Vorteil liegt in der Geschwindigkeit von solchen Operationen, aber mitnichten darin, dass Autos beginnen, tatsächlich autonom, also selbstbestimmt, zu handeln. Horror: Man stelle sich vor, dass Autos sich selbst bestimmen: also so wie etwa der berühmte Herbie, der tolle Käfer, der sich blinzelnd in andre Autos verlieben und so herrlich mit seinen Blinkern und Scheinwerfern flirten konnte. Fiktion und Romantik der späten 60er und frühen 70er Jahre! Aber man stelle sich in 20 Jahren folgende herbe Szenarium vor: ein Rentner, der sich von seinem autonomen Auto zum Discounter fahren lässt, stockt mitten in einhem Kreisverkehr, weil sein Fahrzeug sich gerade unsterblich in das autonome Auto nebenan verliebt, deshalb stehen bleibt und zu blinzeln und flirten beginnt – also autonom handelt. Ist das nun kleinkariert? Ich meine nicht. Die ganze Debatte um die Digitalisierung wird derzeit verbal herbeischöngeredet durch die Verherrlichung der Vorstellung, dass Autos irgendwann auf Augenhöhe mit dem Menschen stehen. Der Herbie von nebenan. Ein Urtraum der Menschheit! Die Würde des Menschen verwischt dabei.

Zudem fällt an der Artikelüberschrift weiterhin folgendes auf: Autonom wird großgeschrieben. Das geht im Deutschen bekanntlich bei Adjektiven bekanntlich nur dann, wenn sie einen Eigennamen bezeichnen. Schwierig wäre es, wenn VW nun noch den menschenrechtsrelevanten Gehalt des Begriffs Autonomie für ihre Marke zu verzwecken begönnte und damit Kunden zu binden. VW ist eine Marke. VW kann wie alle anderen Organisationen nie autonom werden. Richtig ist, dass über das Image von Marken autonome Menschen in Vorständen und Management entscheiden und diese Entscheidungen dann in Strategien und Organisationsstrukturen umsetzen. Da haben sie bei VW mit Dieselgate und Affenversuchen allerdings bewiesen, dass ihnen ein glückliches Händchen nicht immer hold war. Die jüngste Geschichte des Konzerns zeigt, dass Autonomie von Menschen Gefahr laufen kann, die völlig falschen Entscheidungen zu treffen. Deshalb braucht es mehr öffentliche Kontrolle, mehr Verbraucherschutz und Transparenz. Ein autonomer VW Konzern wäre ein Horrorkonstrukt – trotz SPD Ministerpräsident im Aufsichtsrat – denn diese Marke läuft Gefahr, seine Ziele zu eng an der Gewinnmaximierung und Marge der Aktionäre auszurichten.